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Das erste Mal

Ich stehe auf der untersten Stufe des Swimmingpools. Das Wasser steht mir zum Glück nicht bis zum Hals, sondern nur etwa bis zum Ansatz meiner Achselhöhlen. Darunter ist meine Haut grünlich, etwa so, wie ich mir die Haut von einem Marsmännchen vorstelle, darüber braungebrannt mit einigen weißen Flecken, dort, wo ich mir im vergangenen Jahr die Gelsenstiche zu oft aufgekratzt habe. Es ist der Sommer, in dem ich sieben werde. Es riecht nach Chlor und Piz Buin-Sonnenöl. Die türkisblaue Wasserfläche blitzt vor mir in der Sonne, ihre unendliche Weite erstreckt sich bis zum Bauch meines Kindermädchens, das mich in fünf Metern Entfernung mit ausgebreiteten Armen erwartet und mir aufmunternde Parolen zuruft: Und los! Geht schon! Denk nicht drüber nach! Einfach aufs Wasser legen und Tempi machen, wir haben’s doch geübt! Es kann dir nichts passieren! Du kannst es! Meine Arme fühlen sich komisch an, irgendwie verloren, instabil ohne die beruhigende Umklammerung der Schwimmflügel, die mich bisher zuverlässig ober Wasser gehalten haben, zwei kleine unsichtbare Wesen, die da drinnen hockten im orangen Licht der aufgeblasenen Gummikammern. Jetzt hält mich niemand, ich fühle mich gleichzeitig zu leicht und zu schwer, um mich einfach aufs Wasser zu legen. Ich sehe einen Wasserläufer, der ziemlich knapp vor mir mit seinen unverschämt dünnen Beinchen übers Wasser flitzt, warum habe ich nicht solche? Meine Beine erscheinen mir auf einmal unerträglich dick und plump, Elefantenbeine mit Elefantenfüßen und Elefantenzehen. Eine ziemlich große Libelle surrt dicht an mir vorbei, ich erschrecke und verliere fast das Gleichgewicht, plötzlich habe ich Gänsehaut, obwohl es knallheiß ist, Erika ruft: Schwimm!, und ich stürze vorwärts, tauche meine gefalteten Hände ins Wasser, meine Füße verlieren die Bodenhaftung und meine Beine tun, was sie tun müssen, ebenso wie meine Arme, es ist erstaunlich, unfassbar, selbstverständlich, aufregend, leicht und schwer zugleich, wie fliegen ohne Flügel: ICH SCHWIMME! Wilde Freude! Genugtuung! Rausch! Triumph über die Angst! Sieg gegen das Element! Nie wieder wird schwimmen so sein. Warum? Weil es mein erstes Mal war. Und das erste Mal ist nach dem ersten Mal vorbei. Für immer.

Erste Male haben es in sich. Und sie haben einen schlechten Ruf. Sie tragen den Geruch von Angstschweiß mit sich, von Blamagen, Scheitern und Versagen. Zitternde schwitzige Hände, hämmernder Pulsschlag, plötzliche Veränderungen der Stimmlage (dieses peinliche hohe Piepsen!), Lähmung der Glieder oder unkontrollierte Bewegungen, die Faust im Magen. Es lauert das Nicht-Können, das Nicht-Wissen, der Fehler, die Imperfektion, und als Folge davon: das Gefühl der Unzulänglichkeit.

All diese Empfindungen sind mir mehr als wohlbekannt. Und doch und deshalb möchte ich hier ein Lanze brechen für erste Male. Erste Schritte. Erste Küsse. Erste Tänze. Erste Bücher. Erste Alben. Für das Nicht-Können und Nicht-Wissen, die Fehler und die Imperfektion. Für die Unbeholfenheit, die Unsicherheit und was es sonst noch an Un-Wörtern gibt, um einen Zustand zu beschreiben, den ich nach vielen Jahren endlich gelernt habe zu schätzen, und der in seinem Zentrum einen Schatz birgt, der unfairer und unpassender Weise mit einem weiteren Un-Wort bezeichnet wird: Unschuld. Wer etwas zum ersten Mal tut, weiß nicht genau, wie es funktioniert, ob es überhaupt funktioniert und wie das Ergebnis aussehen wird, und kann daher auch nicht auf dieses Ergebnis hinarbeiten oder ständig daran denken. Er/Sie kann es nur einfach tun und sehen, was passiert. Der Zenmeister Shunryu Suzuki hat das Wesen dieses Tuns als Anfänger-Geist bezeichnet. Dieser Anfänger-Geist ist das Geschenk des ersten Mals, er bewirkt Hingabe und das Ergebnis trägt eine ganz eigene, besondere Kraft in sich. Ich denke an die Debutalben von Roxy Music, den Dire Straits oder den Talking Heads (New Feeling!), von Nina Hagen, Björk oder Amy Winehouse. Ich denke an erste Romane wie Stadt aus Glas von Paul Auster, John Irvings Lasst die Bären los oder Kitchen von Banana Yoshimoto. Ein weiteres für mich unvergessliches erstes Mal: Jarmuschs Permanent Vacation. Ich denke auch an mein eigenes erstes Buch, diese Versammlung an Geschichten, die ich heute, fast zehn Jahre und zwei Romane später, hin und wieder zur Hand nehme und mit ungläubiger Verwunderung darin lese, weil ich nicht mehr weiß, wie ich das damals gemacht habe. Die Unbefangenheit, mit der ich Worte und Bilder aneinandergereiht und miteinander verbunden habe, staunend der Melodie und dem Rhythmus der Sprache folgend, meiner eigenen Sprache, die ich so noch nicht kannte, ist anderem gewichen: Reduktion, Konzentration, Handwerk, Ausdauer, thematische Stringenz. Ich sage nicht, dass das schlecht ist. Es ist nur anders. Dennoch befällt mich eine Art Wehmut oder Sentimentalität, wenn ich in diesem Buch lese, und vielleicht bestehe ich deshalb bis heute darauf, mir kaum Notizen oder gar einen Handlungsentwurf zu machen, bevor ich anfange, an etwas Neuem zu arbeiten. Immer noch beginne ich auf Seite eins, mit nichts als einem Satz, einem Bild, einer Figur, und weigere mich, in diesem Moment schon zu wissen wohin sie geht, wem sie begegnet und warum. So versuche ich ihn mir zu erhalten, den Anfänger-Geist, und mich zu bewahren vor seinem größten Feind: der Routine.

Ich hoffe, dass mir das auch hier gelingt, in meinem Blog, den Liquid Letters. Ich wünsche mir, dass sie flüssig bleiben, die Buchstaben, dass sie meinen und euren Alltag ein wenig verflüssigen, dass sie Platz machen für Unfertiges, Unausgegorenes, Ungewisses (ah, ich fange an, die Un-Wörter zu lieben!) und nicht erstarren in einer öden, belanglosen, beliebigen 2.0-Routine.

Denn das erste Mal ist vorbei. Genau jetzt.