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17. Februar 2016

Mein Vater, der große kleine Mann

(zu seinem 90sten Geburtstag)

Mein Vater ist ein großer Mann.

Großes hat er hervorgebracht:

Suiten, Sonaten und Sinfonien,

Opern und Lieder,

Chancons und andere Gesänge,

Stücke für Trios, Quart- und Quintette,

Nachtmusiken und Ballette,

Inventionen, Präludien und Bagatellen,

Concertos, Concertinos,

tausend Bilder,

ein Divertimento

und zwei Töchter.

 

Mein Vater ist manchmal auch ein kleiner Mann.

Er kann sich so klein machen,

dass man glaubt er sei nicht da.

Das ist eine Begabung,

aber auch lebenslanges Training.

So hält er sich die Welt vom Leib,

das Telefon und manchmal auch seine Frau,

meine Mutter, deren laute Rufe ich durchs Haus schallen höre,

er aber nicht.

 

Mein Vater ist mein Vater,

daran ist nicht zu rütteln.

Es war nicht leicht mit ihm,

nicht leicht, ihn kennenzulernen.

Heute, nach zweiundfünfzig Jahren, glaube ich,

ihn ein wenig zu kennen,

obgleich er mir immer noch ein Rätsel ist.

Und doch kenne ich ihn besser als früher,

als ich mich selbst noch nicht kannte -

mich, die ich lange geglaubt habe,

so ganz anders zu sein,

und das bin ich ja auch.

Nicht so groß,

aber groß genug.

Die Ähnlichkeiten liegen,

wie die Unterschiede und der berühmte Hund,

im Detail.

 

Jetzt ist mein Vater ein alter Mann,

das ist amtlich.

Neunzig Jahre muss man erst einmal werden -

und dann noch was wollen!

 

So gesehen ist mein Vater ein junger Mann

und wird es bleiben,

in meiner Erinnerung.