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18. Juni 2013

Reden über das Wetter

Noch nie, so scheint mir, wurde so viel über das Wetter geredet wie heuer. Die Gründe liegen nahe: Endloser Schnee, heizen bis Ende Mai, monsunartige Regenfälle, plötzliche Hitze - Extreme sind ein dankbares Gesprächsthema. Früher, als alles noch besser war oder auch schlechter, galt es als einfallslos, über das Wetter zu reden, gerechtfertigt höchstens durch die Notwendigkeit, eine besonders peinliche Situation zu überstehen (erstes Treffen mit der wahnsinnig unsympathischen Mutter der neuen Freundin in einem gespreizten, überteuerten Restaurant, Freundin verschwindet auf unbestimmte Zeit aufs Klo), ein Höflichkeitsgeplänkel, der Gipfel der Harmlosigkeit. Der Kommentar eines Freundes meiner Tochter zu einem Wetter-Posting auf fb brachte es einmal auf den Punkt: Wetter, Oida! Geht´s noch?

Das Wetter als unumstößliche und unbeeinflussbare Tatsache eint Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Religion, unabhängig von sozialem Status, politischer Überzeugung oder sexueller Orientierung. Das Wetter ist warm oder kalt, feucht oder schwül, windig oder neblig, jedenfalls ist es gerecht. Selbst Paare in schweren Krisen können angesichts von simplem Niederschlag ihre endlose, nervtötende Beziehungsdiskussion im Beserlpark unterbrechen und mit einem demütig-melancholischen Seufzer gemeinsam zum Himmel aufblicken: Jaja, das Wetter – auch nicht mehr das, was es einmal war! Aber Achtung: Genau hier ist der Moment gekommen, an dem das Wetter als Gesprächsthema sein Love & Peace – Kostümchen ablegt und seine wahre Gestalt zeigt.

Es treten auf: 
Die Ökopessimistin und der Verdrängungspragmatiker.

Sie: Da hast du´s. Schnee im Mai, das ist doch nicht normal.
Er: Blödsinn. Sowas hat´s immer schon gegeben.
Sie: Du wirst schon sehen, alles geht den Bach runter. Und nur, weil die Menschen einfach auf die Natur scheißen, weil sie total egozentrisch sind! Genau wie du.
Er: Jetzt flipp nicht aus, das ist doch alles nur eine riesengroße Panikmache der Medien. Lass dich doch nicht so beeinflussen.
Sie: Was heißt denn das schon wieder? Was heißt, ich lass mich beeinflussen? Nur, weil ich nicht die Augen vor der Realität verschließe und den Kopf in den Sand stecke wie ein Maulwurf?
Er: Willst du damit sagen, ich verschließe die Augen vor der Realität? Das ist ja lächerlich!
Sie: Lächerlich? Die Polkappen schmelzen, schon mal was davon gehört?
Er: Wer von uns beiden liest keine Zeitungen?
Sie: Komm mir jetzt nicht damit, das spielt hier überhaupt keine Rolle! Du weichst wieder mal auf ein anderes Thema aus, wie immer, wenn du zugeben müsstest, dass ich recht habe.
Er: Vogel Strauß.
Sie: Was???
Er: Es ist der Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand steckt, nicht der Maulwurf.
Sie: Ist doch völlig wurscht! Der Meeresspiegel steigt – 150 Millionen Menschen leben in einer Höhe von bis zu einem Meter über dem Meeresspiegel – weißt du, was das bedeutet?
Er: Es bedeutet, dass du dir um diese Menschen mehr Sorgen machst als um mich.
Sie: Das darf doch nicht wahr sein! Ehrlich, du kannst mich mal.
Er: Sag ich doch.

…....

Ihr wartet jetzt auf eine Conclusio?
Es gibt keine. Das Wetter eignet sich genauso gut zum Streit wie zur Einigkeit, denn diese Einigkeit ist lediglich einem gemeinsamen Feind geschuldet und daher äußerst labil. Man kann es als Ausrede oder Argument für alles mögliche benutzen oder auch versuchen, es zu ignorieren. Mein Vater zum Beispiel hat während meiner Kindheit immer wieder behauptet, es regnete nicht, während hinter ihm die Tropfen deutlich sichtbar am Fenster hinunterliefen und das typische Geräusch, mit dem das Wasser aus der ewig kaputten Dachrinne floß, nicht zu überhören war. Denn wenn er einen Spaziergang machen wollte, hatte es nicht zu regnen! Es machte uns wahnsinnig, aber etwas daran war auch bewundernswert. Pippi Langstrumpf sang es so: Wir machen uns die Welt wiedewiedewie sie uns gefällt.

Naja - das werden wir noch sehen. Derweilen allerdings schlage ich vor, den Sommer zu genießen, solange er da ist, anstatt über womöglich unnatürliche Hitzewellen zu palavern (außer ihr sitzt mit der Erbtante eures neuen Freundes in einer altrosa Konditorei fest, während er im Stau steckt). Macht euch ein kaltes Bier auf, legt euch in die Hängematte und schaukelt zum richtigen Sound in den blauen Himmel (Musiktipp: Mulatu Astatke New York – Addis – London: The Story of Ethio Jazz 1965-75)
Ich, als Liebhaberin natürlicher wie unnatürlicher Hitzewellen, begebe mich inzwischen nach Griechenland, wo selbige bekanntlich daheim sind. Obwohl: Wer weiß? Vor zwei, drei Wochen, als es bei uns noch saukalt war und Überschwemmungen ganze Dörfer lahmlegten, hörte ich, in Nordschweden hätte es dreißig Grad und die Einheimischen müssten ihre Rentiere alle zehn Minuten mit dem Gartenschlauch abspritzen.
Deshalb an dieser Stelle, aus gegebenem Anlass: 
Ein Hoch auf die menschliche Fähigkeit, zu schwitzen!