Auszug aus Bora. Eine Geschichte vom Wind

Es war drei Uhr nachts und vollkommen still, sogar die Pfeiffrösche hatten ihren monotonen Gesang eingestellt. Ich dachte kurz daran, Musik aufzulegen, aber eigentlich fand ich die Stille gut. Sie verstärkte die Dunkelheit. Sie vergrößerte den Raum. Ich schaute hinauf in das Schwarz zwischen den Sternen und erinnerte mich daran, wie unverständlich es mir als Kind gewesen war, dass alle Menschen in einer großen Stadt denselben Mond sehen konnten. Wenn er über unserem Haus stand, so dass er durchs Fenster direkt auf mein Bett leuchtete, konnte er unmöglich zur gleichen Zeit ins Fenster meiner Großmutter scheinen, zu der wir eine volle Stunde mit Straßenbahn und Bus unterwegs waren, wenn wir sie besuchten. Doch wenn ich abends mit ihr telefonierte, weil ich nicht schlafen konnte und sie immer gute Geschichten wusste, versicherte sie mir, dass es nur einen Mond gäbe, und genau der stünde nun über dem Kirschbaum in ihrem Garten, auch wenn es für mich so aussah, als wäre er am Himmel über dem Haus unserer Nachbarn angeklebt.

Meine Gedanken wanderten zu Andrej. Ich versuchte, ihn mir als Kind vorzustellen, als Fünf- oder Sechsjährigen, die Haare kurzgeschoren, weil sie anders nicht zu bändigen waren, mit mageren braunen Bubenbeinen, die aus kurzen Hosen hervorschauten, auf dem Weg zur Schule. Konnte er die Spitze des Empire State Building sehen? Wurde er in der Schule ausgeschlossen, weil er das Kind kroatischer Einwanderer war? Machte er nach der Schule einen Umweg, um die Schiffe an den Piers zu sehen, und schimpfte seine Mutter mit ihm, weil er zu spät zum Mittagessen kam, oder musste sie ohnehin arbeiten und es gab niemanden, der auf ihn wartete? Sich jemanden als Kind vorzustellen, den man nur als Erwachsenen kennt, ist, wie einen Film rückwärts laufen zu lassen, eine Geschichte verkehrt herum zu erzählen, vom Ende zum Anfang. Es ist, als suche man die Frage zu einer Antwort, die richtige Frage von den vielen möglichen. Wenn ich an den sechsjährigen Andrej dachte, sah ich seine Augen wie zwei weit geöffnete Tore in die Welt und einen sehnigen kleinen Körper, der unausgesetzt in Bewegung war, sogar wenn er schlief. Dieses Bild nervöser Unruhe überraschte mich, denn als Erwachsener wirkte Andrej zwar äußerst lebendig, aber nicht rastlos, und ich erkannte, dass ich im Fall von Andrej noch nicht einmal die leiseste Ahnung von der Antwort hatte, ganz zu schweigen von der richtigen Frage.

Ich stellte mir auch Andrejs Eltern vor, wie sie sich mit dem vierjährigen Ivan auf den Weg nach Amerika machten, seine Mutter (in meiner Vorstellung eine weibliche Version von Andrej, die langen dunklen Locken zu Zöpfen geflochten, die sie auf ihrem Kopf feststeckte, ihren Erstgeborenen niemals aus den bernsteinbraunen Augen lassend), wie sie alles zusammenpackte, was sie mitnehmen wollten oder konnten – viel wird es nicht gewesen sein. Wie waren sie über den Atlantik gereist? Mit dem Schiff oder schon mit dem Flugzeug? Mussten sie an der Grenze ihren Pass abgeben wie die Tschechen, die nach dem Einmarsch der Russen in Prag 1968 das Land verließen (eine Szene, die mich in der Verfilmung von Kunderas Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins stark berührt hatte)? Wie viele Stationen hatten sie überwinden müssen, ehe sie im gelobten Land ankamen? Und entsprach die neue Heimat ihren Vorstellungen, den Bildern, die sie davon im Kopf gehabt hatten? Ich dachte an den Hudson River, Manhattans Skyline, große Frachtschiffe, aus deren Schloten dicke Dampfwolken in den Himmel stiegen. Ich sah alles in Schwarzweiß, wie die meisten Bilder, die ich von der Zeit vor meiner Geburt oder meiner frühen Kindheit habe - als wären die Farben in den Jahren, die seither vergangen waren, verblasst, oder als würde ich sie in einem alten Fernsehapparat sehen. Hatten Andrejs Eltern in Farbe von ihrer Zukunft geträumt? Was für Bilder hatte Andrej von der Insel gehabt, dieses ferne, winzige Eiland, das die Heimat seiner Eltern und seines Bruders war, nicht aber seine? Wie alt war er, als er sie das erste Mal wirklich sah? Und wo zur Hölle war er eigentlich, warum war er jetzt nicht da, damit ich ihm all diese Fragen stellen konnte?

Ich ging in die Küche, machte das Licht wieder an, entfachte ein Feuer auf der offenen Kochstelle und schmolz Fett in einer schweren, gußeisernen Pfanne. Dann holte ich den Teig und begann, daraus kleine Kugeln zu formen, die ich vorsichtig in die Pfanne gleiten ließ. Das Geräusch der brutzelnden Fritule in der Stille und ihr leicht süßlicher Duft machten mich müde und ein wenig benommen, ich fühlte mich wie ein Kind, das lange geweint und das man mit Süßigkeiten getröstet hat. Als die Fritule mit Zucker bestäubt auf einem großen Teller aufgetürmt waren und ich ins Bett kroch, wechselte der Himmel über dem Hof gerade die Farbe, von schwarz zu dunkeltürkisblau.

So trieb ich nach und nach weg vom Heute, von der Insel als realem Ort, von ihrer blaugelben, sommerlichen Urlaubserscheinung, ich spann mich ein in einen Kokon aus Nacht und Bratfett, Zuckerguss und imaginierter Geschichte und Träumen von Andrej. Ich registrierte kaum, als sich das Wetter wieder zu ändern begann, die ersten Wolken am Horizont auftauchten, die Luftfeuchtigkeit stieg. Eines Nachmittags schreckte ich schweißgebadet aus einem verrückten Traum auf, in dem ich in einer Stadt, die aussah wie New York, aber nicht New York war, sondern eine gigantische Filmkulisse aus Pappe, eine Art Fahnenstange hinaufkletterte, die immer länger wurde, je höher ich kletterte. Immer sah ich das Ende der Stange etwa anderthalb Meter über mir und immer kletterte ich weiter und weiter, während die Stange in den Himmel zu wachsen schien und die Häuser mit ihr. Ich musste unbedingt da hinauf, um mir einen Überblick zu verschaffen, um etwas ganz Bestimmtes zu sehen, im Traum war es mir lebenswichtig erschienen. Während ich aus dem Fenster starrte und angestrengt darüber nachdachte, was es war, das ich so dringend hatte sehen wollen und warum, hörte ich das noch ferne Geräusch eines Donners, bemerkte das gelblich-trübe Licht, das der bewölkte Himmel auf das Dach gegenüber warf. Plötzlich war ich alarmiert, als hätte ich das Herannahen einer Katastrophe verschlafen. Oder vielleicht träumte ich noch, war in einer Filmkulisse und da draußen war außer mir niemand? Ich sprang auf und warf das Kleid über, das neben dem Bett lag. Ich hatte es schon seit Tagen an, es war zerknittert und getränkt mit einer wilden Mischung verschiedener Essensgerüche, aber das war mir egal, ich schlüpfte in meine Flip-Flops und stürmte nach draußen. Der Jugo schlug mir ins Gesicht wie ein feuchtheißer Lappen. Auf dem Weg zum Kirchplatz begegnete ich keiner Menschenseele, nur die hochschwangere Katze ein paar Häuser weiter, die sich schon seit Tagen kaum noch bewegte, lag mitten auf dem Weg und linste mich aus einem halbgeöffneten Auge träge an. Ich musste mehrmals an Terezas Tür klopfen, bevor sie öffnete, ich hatte sie wohl aus ihrer Siesta geweckt. Leicht verwirrt sah sie mich an.

Du lebst noch? Wie schön, sagte sie.

Darf ich reinkommen?

Sie trat zur Seite, hielt mir die Tür auf und verbeugte sich.

Schon gut, sagte ich, es tut mir leid. Ich hab mich ein wenig zurückgezogen.

Ich setzte mich an den Küchentisch, Tereza schlurfte zur Kaffeemaschine und füllte sie mit frischem Wasser und Kaffeebohnen.

Was ist los, schreibst du wieder?, fragte sie.

Nein. Du weißt doch, wenn ich schreibe, muss ich zwischendurch mit Menschen sprechen, sonst werde ich verrückt.

Vielleicht ist das auch so, wenn du nicht schreibst.

Ja ja, sagte ich, Punkt für dich. Aber keine Sorge, wie du siehst, bin ich hier. Sag, was ist das eigentlich für ein Wetter da draußen?

Das, sagte Tereza, ist kein Wetter, es ist eine Krankheit. Das Wetter ist krank, es hat die Grippe. Vielleicht stirbt es.

Und dann?, fragte ich.

Na, dann begraben wir es. Und dann kriegen wir vielleicht wieder Sommer.

...


Zurück zur Website