Auszug aus Der Gesang der Räder in den Schienen

Den Sommer nach dem Tod meines Vaters verbrachte ich in einem kleinen Zimmer im zweiten Stock eines Hauses, das im Herbst abgerissen werden sollte. Die Bahn führte direkt daran vorbei und mindestens alle halben Stunden brachte ein Zug die verbliebenen Fensterscheiben zum Klirren, keiner wollte dort noch wohnen, mir retteten diese Züge das Leben. Nach dem Begräbnis, bei dem meine Mutter eine versteinerte, unbewegliche Miene zur Schau gestellt hatte, um sich beim Leichenschmaus darüber zu beschweren, wie herzlos ich und meine Geschwister doch wären und dass wir sie nicht ausreichend getröstet hätten, fuhr ich direkt zum Bahnhof und kaufte eine Fahrkarte nach Berlin, Bahnhof Zoologischer Garten, einfache Fahrt. Vom Zug aus rief ich meine Schwester an, damit sich niemand Sorgen machte, sie wurde hysterisch und begann mich anzuschreien: Du kannst uns doch jetzt nicht einfach so im Stich lassen, bist du wahnsinnig? Noch nicht, sagte ich, deshalb fahre ich ja. Noch nicht, schnaubte sie, und du glaubst, du kannst davor weglaufen? Nach Berlin? Glaubst du, in Berlin ist es besser? Nein, antwortete ich, kannst du bitte hin und wieder meine Post ausheben? Einen Scheiß werde ich ausheben! brüllte meine Schwester und begann zu weinen. Danke, sagte ich und legte auf. Ich setzte mich ans Fenster, gegen die Fahrtrichtung, und sah zu, wie die letzten Häuser der Stadt kleiner wurden und verschwanden; die Stadt, in der mein Vater mir beigebracht hatte, Papierflieger zu bauen, auf zwei Fingern zu pfeifen und mein Inneres vor anderen Menschen zu verschließen; die Stadt, in der er zum Alkoholiker wurde und mich enterbte, in der meine Mutter das Zimmer meines Vaters in ein Museum verwandeln würde oder in ein Mausoleum, und meine Schwester weitermachen würde wie immer: Indem sie sich von meiner Mutter beschimpfen ließ, um ihre Schuldgefühle zu besänftigen.

Ich war noch nie in Berlin gewesen, ich kannte niemanden da, deshalb fuhr ich hin. Vor ein paar Monaten hatte ich in einer kleinen Galerie Bilder eines Berliner Fotografen gesehen, es waren Bilder von staubigen Straßen und gigantischen Baustellen unter einem dunstigen Himmel, ein menschenleerer Platz vor einem Glas- und Stahlpalast, abbröckelnde Fassaden heruntergekommener Mietskasernen im Morgenlicht und das Bild eines strahlend hell erleuchteten S-Bahnhofs vor dem Hintergrund einer bläulichen, unwirklichen Nacht, ich erinnerte mich an diese Bilder, als ich am Kartenschalter stand und sehnte mich dorthin. Das Abteil war leer bis auf einen alten Mann, der die ganze Zeit über schlief. Kurz vor Passau weckte ich ihn, weil ich Angst hatte, er sei tot, ich sagte ihm, ich hätte befürchtet, er verpasse seine Station. Er reagierte unwirsch und erklärte, er fahre bis nach Berlin.

Ich fiel in einen unruhigen Schlaf und träumte, mein Vater wäre auferstanden, doch es fehlten ihm Arme und Beine, sein Rumpf steckte in einem Nadelstreif-Sakko, das er niemals getragen hätte, auf seinem Kopf saß eine Melone. Er bewegte sich durch die Wohnung meiner Eltern, als wäre er ferngesteuert, ein ruheloser Roboter ohne Auftrag, an den Wänden prallte er ab, drehte sich ein paar Mal um sich selbst und änderte dann seine Richtung, ein Spielzeugauto, das sich, sobald es auf ein Hindernis stößt, überschlägt und einfach weiterfährt. Mein Bruder und ich spielten Frisbee im Vorzimmer, mein Vater kam uns in die Quere und der Frisbee flog durch ihn hindurch, trennte den Kopf fein säuberlich vom Rumpf, der Kopf fiel mit einem schrecklichen, scheppernden Geräusch zu Boden. Ich schreckte hoch. Der Zug stand still und der Koffer des alten Mannes lag zu meinen Füßen. Der alte Mann schlief noch immer wie ein Stein, also hob ich den Koffer auf und verstaute ihn wieder in der Gepäckablage über seinem Kopf. Ich ging hinaus auf den Gang und rauchte drei Zigaretten hintereinander.

Als ich am Bahnhof Zoo ausstieg, war es neun Uhr vormittags, hell und heiß. Ich ging ein Stück den Kurfürstendamm hinunter, kaufte mir bei Burger King einen Kaffee und zwei Hamburger und setzte mich auf eine Bank. Die Menge von Menschen, die sich die Straße entlang schob, machte mich ein wenig nervös, aber die Tatsache, dass sie mir alle gleich fremd waren, beruhigte mich wieder. Ein Punk kam auf mich zu und schnorrte mich um eine Zigarette an. Ich gab ihm zwei, er fragte, ob ich was zu kiffen bräuchte, ich sagte nein, aber ein Zimmer zum Schlafen. Er ging zurück zu der Gruppe von Punks, die eine Bank weiter saßen; eigentlich saßen die Punks auf dem Boden und lehnten sich mit dem Rücken an die Bank, während sie auf der Bank selbst eine Decke ausgebreitet hatten, auf der zwei schwarze Hunde lagen und in der Sonne schliefen. Mein Punk rauchte eine meiner Zigaretten, die andere schenkte er seiner Freundin, dann kam er wieder und bedeutete mir, mitzukommen, wir gingen zurück zum Bahnhof, wo ich für uns beide einen Fahrschein kaufte, der Punk schüttelte den Kopf. Wir fuhren mit der S-Bahn, der Bahnhof, an dem wir ausstiegen, sah genauso aus wie auf dem Foto in der Galerie. Der Punk brachte mich zu dem Haus mit den kaputten Fenstern, es gab Einschusslöcher an der hinteren Hausmauer, der Punk sagte, sie wären noch aus dem Krieg, natürlich gab es auch die unvermeidlichen Graffitis.

Eine Weile kannst du hier bleiben, sagte er, in ein paar Monaten wird´s abgerissen, keiner weiß genau, wann. Er musterte mich ein bisschen, als fiele ihm erst jetzt auf, dass ich kein Punk war. Haste was gegen Ratten? fragte er dann. Ich zuckte mit den Schultern. Solange sie nicht beißen, sagte ich. Der Punk lachte und hustete, ich sah, dass er sich einige Zähne schwarz angemalt hatte. Die beißen nicht, wenn du nicht beißt, sagte er und lachte wieder, dann ging er.

Das Haus war die meiste Zeit leer, es war Sommer und die Punks schliefen vielleicht unter freiem Himmel, manchmal kamen ein paar und gingen bald wieder, ich nahm an, dass sie den Ort als Haschischdepot benutzten, der süßliche Duft zog zuweilen durchs Haus. Auch die Ratten schienen dieses sinkende Schiff verlassen zu haben, mir war es recht, ich brauchte keine Gesellschaft. In einem der Zimmer fand ich eine alte Matratze, die noch nicht von Motten zerfressen war, ich zerrte sie in das Zimmer, das ich mir ausgesucht hatte; es war ungefähr zwölf Quadratmeter groß, der Putz bröckelte in großen Stücken von den Wänden, es gab ein abgeschlagenes Waschbecken, darüber die Hälfte eines Spiegels, der Boden fast schwarz, breite, wurmstichige Eichendielen. Andere Einrichtungsgegenstände gab es nicht. An einem Kabel, das in der Mitte des Zimmers aus der Decke kam, hing eine Fassung mit einer kahlen Glühbirne darin, aber der Strom war längst abgeschaltet worden. In einem Kaufhaus besorgte ich mir zwei weiße Leintücher, eine Decke und einen Polster samt Überzug, in dieser ersten Zeit schlief ich viel. Vor fünf Jahren, als der Alkohol begann, den Körper meines Vaters sichtbar zu zerstören, hatte ich zu trinken aufgehört, jetzt fing ich wieder damit an. Ich kaufte mehrere Flaschen teuren Rotwein und ein hauchdünnes Glas, setzte mich gegenüber dem einzigen Fenster auf den Boden, den Rücken an die Wand gelehnt und trank langsam und stetig, jeden Tag eine Flasche, manchmal zwei, nie mehr. Die Züge fuhren vorbei, das Haus vibrierte, die Sonne schien, es wurde heißer und heißer. Ich aß wenig, ging selten aus, ging niemals zweimal in dieselbe Kneipe, wechselte auch die Geschäfte, in denen ich einkaufte, ich wollte nicht anfangen, mich irgendwo zu Hause zu fühlen. Dennoch konnte ich nicht verhindern, dass mir mit der Zeit manches zu einer Art Heimat wurde: der leichte Geruch nach Urin und feuchtem Mauerwerk, bestimmte Flecken an der Wand über der Matratze, der Geschmack von Beaujolais, der Blick aus dem Fenster mit dem ewig blauen, von den Oberleitungen zerschnittenen Himmel, der Gesang der Räder in den Schienen. Sprich mit mir, sangen sie, sprich mit mir, sprich mit mir, aber niemand sprach.

Zum ersten Mal seit ich an Frauen dachte war ich nicht an Sex interessiert. Ich onanierte wie man sich die Zähne putzt oder sich rasiert, aus Gewohnheit, ich hätte es auch bleiben lassen können. Die Frauen interessierte das, sie redeten und schliefen mit mir, ich ließ es geschehen, sie erreichten mich nicht. Die meisten sah ich nur ein einziges Mal, meine Behausung schreckte sie ab und wahrscheinlich meine Schweigsamkeit. Anfangs waren sie froh, einen Zuhörer zu haben, einen, der sie nicht zuquasselte mit seinem kleinen, jämmerlichen Leben, aber dann wurde ihnen langweilig, sie gingen mit mir, sahen das Haus mit den kaputten Fenstern, sie hatten Sex mit mir und ich sprach immer noch nicht, das machte ihnen Angst und sie ergriffen die Flucht, am Morgen waren sie weg. Nur Silke blieb. Sie stand, als ich aufwachte, am offenen Fenster und rauchte, sie schien sich wohlzufühlen in dem halbverfallenen Haus, der Dreck machte ihr nichts aus. Sie schätzte guten Wein, sie sprach selbst nicht viel, und wenn, sprach sie nie direkt von sich, sie erzählte gerne die Geschichten anderer Leute und ich hörte ihr gerne zu. Am besten gefiel mir die vom polnischen Klavierlehrer ihrer Cousine, der immer ein Bild von Karol Wojtyla bei sich trug und es bei jeder seiner Schülerinnen, zu der er ins Haus kam, neben das Notenblatt stellte. Du musst ihn zum Weinen bringen, sagte er den Mädchen, du musst so spielen, dass es ihn zu Tränen rührt. Die Mädchen hatten keine Ahnung, warum sie den Papst zum Weinen bringen sollten, doch sie bemühten sich, denn sie mochten den Klavierlehrer, er war ein kleiner, feingliedriger Mann, immer freundlich und hoffnungslos verrückt. Für ihn spielten sie ihren Chopin so gut sie konnten und schielten ab und zu auf das Foto, vielleicht ereignete sich ja ein Wunder und schwarz-weiße Tränen kämen aus den Augen des Heiligen Vaters, liefen über die Tastatur auf den Boden und schwemmten alles hinweg, eine Flut von Tränen, vor der man sich in den Klavierkorpus retten müsste wie Noah in seine Arche, aber als sie geendet hatten, war es nur der kleine Klavierlehrer, der weinte, und niemand wusste, warum.

Ein einziges Mal erzählte sie von ihrer Wohnung, dass es da schrecklich aussehe, dass sie unfähig sei, Ordnung zu halten oder irgendeine Ordnung herzustellen, die man hätte halten können, allein ihre Bettwäsche sei stets frisch und blütenrein. Von da an ging ich einmal pro Woche in den Waschsalon.

Silke machte keinen Versuch herauszufinden, was ich in Berlin tat oder warum ich hier war und dadurch bekam sie wohl einiges mit, was anderen entging. Sie lernte den Rhythmus der Züge auswendig und sagte sie vorher, sie fand heraus, dass die Punks ihr Haschisch im Siphon eines bestimmten Waschbeckens im dritten Stock verstauten, direkt über meinem Zimmer - sie dachte lange über das Geräusch nach, das der Siphon beim Aufschrauben machte, bevor sie darauf kam.

Natürlich wusste sie bald, dass ich keiner Arbeit nachging, und ich hatte das Gefühl, sie wusste noch mehr. Ein paar Mal weckte sie mich mitten in der Nacht und sagte mir, sie habe etwas gehört. Ich sagte schläfrig: Wahrscheinlich die Punks, und schlang einen Arm und ein Bein um ihren schlafwarmen, kompakten Körper, doch sie schüttelte den Kopf und legte einen Zeigefinger auf die Lippen, sie war hellwach. Unter dem kühlen Leintuch tastete sie nach meiner Hand und gemeinsam horchten wir in die Dunkelheit, das Haus machte alle möglichen Geräusche, aber ich wusste, dass Silke etwas anderes gehört hatte, sie lag da und hielt den Atem an, immer noch den Finger an den Lippen, und wartete. Irgendwann atmete sie aus und entspannte sich, drehte sich mit einem Seufzer zur Seite: Der Zug. ICE nach Hamburg, hörst du ihn? und ich hörte ihn, obwohl er noch ziemlich weit weg war, er kam und riss alle anderen Geräusche mit sich fort.

Mein Vater war ein haltloser Mensch, das sagte meine Mutter über ihn, solange ich mich erinnern kann. Mein Vater sagte über meine Mutter, dass sie ihn geheiratet habe, damit sie immer einen Anlass hätte, sich zu beschweren: seine Unordnung, sein mangelnder Ehrgeiz, seine Art zu sprechen, zu essen, das Trinken. Er sagte, im Grunde mache es sie glücklich, ihm ein Vergehen nachweisen zu können, und an seinen guten Tagen meinte er, wenn das seine einzige Möglichkeit sei, sie glücklich zu machen, wolle er es gerne tun. An den schlechten Tagen sagte er ihr, sie solle sich zum Teufel scheren mit ihrer ewigen Nörgelei und dass er sich davon vergiftet fühle, ein schleichendes Gift, das ihn langsam aber sicher umbrächte. Meine Mutter beharrte, es wäre der Alkohol, der ihn vergiftete, ich hörte den gerechten Zorn in ihrer Stimme und ich glaube wirklich, meine Eltern blieben zusammen, weil mein Vater sich im Großen und Ganzen an seine Rolle hielt. Einmal trank er auf Drängen meiner Mutter fünf Monate lang nichts; es war die einzige Zeit, in der ich das Gefühl hatte, alles könnte auseinander brechen, es machte mir Angst. Beide erschienen mir haltloser, als mein Vater es je gewesen sein konnte, jeder für sich seinen Eigenheiten ausgeliefert, mit denen er nie gelernt hatte, alleine umzugehen.

Ich erinnere mich, dass ich sie damals besuchte, an einem Samstagabend, den mein Vater früher meistens mit Freunden in einer Weinbar verbracht hatte, mein Vater saß im Wohnzimmer unter der Leselampe, rauchte und blätterte in einem Stapel alter Zeitschriften, ohne darin zu lesen, als wäre er beim Zahnarzt. Meine Mutter saß am Sofa und besserte Kleider aus, etwas, das sie sonst nie selbst tat, sie sahen fremd aus im bläulichen Licht des Fernsehers, der zu leise lief, um etwas zu verstehen. Als ich kam, machte meine Mutter ihn aus und kochte Tee, servierte ihn in dem Hutschenreiter-Service, das sie von ihrer Mutter zur Hochzeit bekommen hatte, sie stellte mir wohlwollende, interessierte Fragen, es war unangenehmer als all ihre Nörgelei. Mein Vater saß dabei und hielt sich an seiner Teetasse fest, hin und wieder räusperte er sich, als wolle er gleich etwas sagen, aber er tat es nicht. Ich konnte den Blick nicht von seinen Füßen wenden, er hatte die Innenseiten zusammengepresst und rieb sie unaufhörlich aneinander, wie eine Fliege, meine Mutter merkte es auch, sie versuchte nicht hinzusehen. Als ich ging, gab sie mir ein Stück trockenes Biskuit mit und eine Flasche Wein, die noch übrig war, besser, du nimmst sie mit, sagte meine Mutter, und ihre Mundwinkel gerieten kurz außer Kontrolle, hingen nach unten wie immer, bevor sie sie mit einer letzten Anstrengung wieder hinaufzog zum Abschiedslächeln. Zuhause warf ich das Biskuit weg und trank die Flasche Wein, während ich am Computer zwei Stunden lang Außerirdische erschoss.

Ich fing an, in den Nächten, die ich alleine verbrachte, wach zu bleiben, ich hatte genug geschlafen, mein Leben lang, wie mir schien. Ich saß da und trank und versuchte, die Stimme meines Vaters zu hören, ich dachte, wenn ich noch ein wenig mehr trank, würde ich sie besser hören können. Ich suchte den Nachhall in mir, den zornigen, belehrenden, arroganten, auch den sanften und resignierten Klang, der mir in allen Knochen steckte, aber meine Knochen verweigerten die Erinnerung und ich hörte nichts, egal, wie verzweifelt ich mich abmühte, egal, wie viel ich trank. Ohnehin war Erinnerung nicht, was ich wollte. Ich wollte, dass er kam. Ich wollte, dass er endlich kam und mir alles erklärte, mich und dieses Zimmer, dieses Haus, sich selbst, alles, was ich nicht verstand. Ich sehnte mich so sehr danach, die Sehnsucht machte mich schwer und müde, an manchen Tagen stand ich nicht mehr auf, ich lag auf meiner Matratze, starrte auf die Flecken an der Wand und schwitzte und die Züge fuhren vorbei. Sprich mit mir, sangen sie, sprich mit mir, sprich mit mir, aber niemand sprach.

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