Auszug aus Kopf aus den Wolken

If you ever get close to a human
And human behaviour
Be ready to get confused

Björk

1

Am Mittag gehe ich durch die Straßen meines Viertels, die Türen der Geschäfte stehen offen, die Wolken ziehen so schnell, dass die Sonne kommt und geht wie eine Lampe, die man an- und wieder ausmacht. Die Geschäftsleute winken mir im Vorbeigehen aus dem Dunkel der Läden, ich freue mich über die Vertrautheit ihrer müden Gesichter. Ich versuche, es nicht eilig zu haben, meine Zeit nicht zuzupflastern wie eine Autostraße, ich gehe viel zu Fuß und falle gerne in die Schlaglöcher.

Im Gewürzladen am Eck stehe ich lange mit geschlossenen Augen und sauge die Gerüche in mich ein. Eigentlich will ich nichts kaufen, aber der Gewürzhändler ist ein mürrischer Mensch und würde selbst fürs Riechen Geld verlangen, also habe ich in meiner Küche eine Menge Gewürze, die ich niemals benutze.

Als ich die Augen wieder aufmache, steht eine Frau vor mir, breiter Rücken in geblümter Bluse, drahtige, schwarze Locken, die nicht echt aussehen, ich versuche, mir das Gesicht dazu vorzustellen. Wie viel? fragt sie und hebt einen Mörser hoch, warmes, pudriges Parfum entströmt ihrer Achsel. Der Mörser ist aus rötlichem Stein, groß und schwer, der Gewürzhändler hebt kaum den Blick und sagt: hundertfünfundneunzig, und obwohl das ein unverschämter Preis ist, will ich ihn plötzlich haben, jetzt und sofort.

Ich trete neben die schwarzhaarige Frau, kann ich mal sehen, sage ich und strecke meine Hände aus, befremdet stelle ich fest, dass sie zittern. Die Frau zuckt zurück, vielleicht nur vor Schreck, ich glaube, ich bin unsichtbar, wenn ich mit geschlossenen Augen dastehe und rieche. Widerstrebend reicht mir die Frau den Mörser, zum Ausgleich lächelt sie mich freimütig an. Ein wunderschönes Stück, sagt sie, aber ich sehe den Mörser gar nicht an, ich brauche keinen Mörser, ich koche ja kaum noch, seit Paul weg ist.

Das Lächeln der Frau hält mich fest. Sie ist jünger, als ich sie von hinten eingeschätzt habe, ihre Lippen sind fast mohnrot, obwohl sie keinen Lippenstift trägt, auch die Wangen sind rot, sie erinnert mich an jemanden, gleichzeitig weiß ich, dass es diesen Jemand nicht gibt. Ich kaufe ihn, sage ich, doch die Frau schüttelt den Kopf, sie fasst sich mit der Hand in den Nacken und lächelt immer noch. Tut mir leid, ich hatte mich schon entschieden, und zum Gewürzhändler gewandt: Wenn Sie ihn mir bitte einpacken, Sie nehmen nur Bargeld, oder? Der Gewürzhändler schält sich hinter einem Regal hervor und brummt zustimmend, während er mir den Mörser aus der Hand nimmt und ihn umständlich in mehrere Schichten Zeitungspapier packt. Ich gebe Ihnen zweihundert, sage ich zu ihm, prompt hält er inne. In seinen misstrauischen Alltagsblick mischt sich eine Spur von Belustigung. Zweihundert, was? krächzt er, und dafür wünscht mir die Dame hier die Pest an den Hals, nein, Vögelchen, da muss schon mehr drin sein. Es ist mir peinlich, dass er mich Vögelchen nennt, ich spüre, dass ich rot werde und sage schnell: Also gut, zweihundertzehn, das ist aber mein letztes Angebot! Mein letztes Angebot, ich muss verrückt sein, was in aller Welt ist in mich gefahren? In der Tür erscheint eine stark geschminkte Frau in einem sehr grünen Kleid, in der linken Hand eine brennenden Zigarette, die sie nach draußen hält. Marjana, was ist, kommst du endlich? Marjana winkt, sagt: Just a second, und zu mir: Sie brauchen doch diesen Mörser gar nicht, warum wollen Sie so viel dafür bezahlen?

Ich habe es sehr eilig, das Geld auf den Ladentisch zu zählen, erst als ich mit dem in Zeitung gewickelten Monstrum in der Hand auf der Straße stehe, fällt mir die Gegenfrage ein: Tun Sie nie Dinge, von denen Sie nicht wissen, warum?

Am nächsten Tag steht Marjana vor meiner Tür. Ich lasse sie nicht gleich herein, frage ohne Begrüßung: Wie hast du mich gefunden? Der fehlende Gruß soll Verachtung ausdrücken, aber der Satz klingt hölzern und falsch. Marjana lächelt ihr mohnrotes Lächeln. Wasn´t hard work, das Vögelchen ist bekannt. Sie schmiegt sich an die kühle Wand des Stiegenhauses wie eine Katze, es scheint ihr nichts auszumachen, dass ich sie nicht hereinbitte.

Sag nicht Vögelchen zu mir. Ich drehe mich um und gehe in die Küche, die Tür lasse ich offen stehen, es ist keine Einladung.

Ich höre, wie Marjana hinter mir herstöckelt, das Geräusch ihrer Absätze hallt von den leeren Wänden wieder.

Kaffee, Tee?

Wein, sagt Marjana, rot. Es ist zehn Uhr vormittags. Eine Alkoholikerin.

Sie sitzt an meinem Küchentisch und sieht mich erwartungsvoll an. Ich hole den Mörser vom Regal und knalle ihn vor ihr auf den Tisch, ihre Armbänder klimpern.

Du brauchst mir kein Geld zu geben. Nimm ihn einfach und geh.

Ich will den Mörser nicht, sagt sie und irgendetwas in mir implodiert, wie ein Stück Plastik, das man ins Feuer wirft. Mit unsicheren Händen gieße ich Wein in zwei Gläser und trinke im Stehen. Ich will mich nicht zu ihr an den Tisch setzen, wenn ich es täte, würde sie einen kleinen Koffer aufklappen und einige saubere Bögen Papier vor mir ausbreiten, bedruckt mit winzigen Buchstaben in einer fremden Sprache, ich würde unterschreiben, alles. Marjana steht auf und geht ans Fenster, macht es weit auf, zieht die Schuhe aus und setzt sich aufs Fensterbrett, einen Fuß drinnen, einen draußen, als würde sie auf ihm reiten. Den Rücken an den Fensterstock gelehnt, blinzelt sie in die Sonne, die sich in ihrem Weinglas spiegelt. Ich stehe neben dem Tisch wie ein ungebetener Gast und weiß nicht, was ich hier soll.

Ich öffne die Augen und sehe Marjana, die neben mir auf dem Rücken liegt und mit ihrem Handy spielt. Wolken türmen sich über meinem Kopf, es wird ein Gewitter geben. Marjanas Schultern sind weiß wie Schnee, es ist mir unbegreiflich, wie sie das bei dieser Sonneneinstrahlung fertig bringt, wahrscheinlich geht sie nur raus, um Mörser zu kaufen und Fremde zu besuchen. Ich weiß immer noch nicht, was sie von mir will. Eine Weile schon bin ich wach und schaue ihr zu, bevor sie es merkt, dann dreht sie ihren Kopf und lächelt mich verklärt an, vielleicht ist sie einfach nicht ganz bei Trost. Während ich Kaffee mache, singt sie unter der Dusche, die ganze Situation ist unscharf, als schaute ich durch ein kaputtes Fernglas. Sie in meinem Bad, ihre schwarzen Haare verschwinden in einem Wasserstrudel im Abfluss, ich in der Küche beim Zuschrauben der Espressomaschine, eine irrtümliche Zusammenstellung auf einem Splitscreen. Marjana kommt herein und fragt: Hast du Eier, strubbelt sich die Haare mit meinem Handtuch trocken, ich sage: Ich habe seit Ewigkeiten keinen Besuch mehr gehabt. Marjana hält in der Bewegung inne und sieht mich überrascht an: Magst du keine Eier? Als wäre das der einzige Grund, keine im Haus zu haben.

Als ich losgefahren bin, war ich dreiundzwanzig. Seither ist Zeit vergangen, in Zahlen kann ich sie nicht messen. Ich hätte Buch führen können über die Kilometer, die ich zurückgelegt habe, aber was nützte mir das? Ich habe längst jedes Maß verloren. Das Zählen war mir schon immer ein Gräuel. Wie viele Liebhaber, Stunden, Tage, Geld auf dem Konto, Schuhe im Regal, Gedanken in meinem Kopf? Eines der Dinge, vor denen ich Reißaus genommen habe, sinnlos, denn das Zählen ist uns offenbar angeboren, eine Art Erbsünde. In Amsterdam habe ich mal einen Typen getroffen, der sich alle Fragen aufschrieb, die an ihn gerichtet wurden und auf die er keine Antwort wusste. Er meinte, in die Hölle zu kommen, wenn er sie nicht alle beantwortete, bevor er starb. Die Hölle ist individuell.

Wir gehen also auf den Markt, einkaufen. Marjana arbeitet sich vorwärts wie eine große Heuschrecke durch ein reifes Kornfeld, immer ein paar Schritte vor mir. Sie kauft Feigen, Datteln, Käse, Oliven, halt mir doch bitte die Tasche auf, Vögelchen, ich sage: Nenn mich nicht Vögelchen, wolltest du nicht Eier? Du magst doch keine Eier, außerdem ist es jetzt zu spät für Frühstück, findest du nicht? Ich finde gar nichts und stelle befremdet fest, dass mir das angenehm ist. Wir setzen uns in eines der Cafes am Markt und bestellen Caj. Marjana sieht mich von der Seite an. Also, wie lange lebst du schon hier? Ich lebe nicht hier, ich bin auf Reisen. Und woher hast du dein Arabisch, es ist ganz passabel für eine Europäerin, you know that? Von meinem Großvater, he was Egyptian. Really? Aber die Wohnung, du hast doch eine richtige Wohnung. Ja, aber nicht für lange. Wie lange? Bis ich weg muss. Ach, sagt Marjana und faltet die Hände über dem Tisch, dann bist du also eine Art Nomadin, soll ich dich so nennen: meine kleine Nomadin? Ich bin nicht klein, nicht dein, ich heiße Anna. Ich nenn dich doch auch bei deinem Namen, oder willst du das nicht? Nenn mich, wie du willst, sie führt ihr Teeglas zum Mund, der Tee ist heiß und sie verbrennt sich die Lippen. Mein Vater ist Diplomat, er hat mir diesen Namen gegeben, den Namen seiner Mutter, mehr ist ihm zu mir nicht eingefallen. Aber es ist doch ein schöner Name, Marjana, und er hat seine Mutter sicher geliebt. Nein, er hat sie gehasst, warum bist du überhaupt von zuhause weg? Frag lieber nicht. So spannen wir unser Netz, um uns darin zu verfangen, zwischen all den nenn mich nicht so und frag mich nicht und ich bin nicht und nein, alles ist anders, als du glaubst.

Männer, sagt Marjana in einem gurrenden Tonfall, der irgendwo zwischen Lust, Verachtung, Ärger und Bewunderung liegt, eine Mischung, die ich in meinem Verhältnis zum anderen Geschlecht nie zustande gebracht habe. Männer, ja, natürlich. Zaid war der Schlimmste, aber auch der Beste von allen. Nein, das muss nicht so sein, aber bei Zaid war es eben so. Wir sitzen in der Küche vor halb leer gegessenen Tellern und Schüsseln. Marjana hat gekocht, die Küche sieht aus wie ein Schlachtfeld, gegen meinen Willen finde ich das gemütlich. Zaids großes Verdienst war, mich von meinen Eltern loszueisen, sagt sie. Natürlich konnte er auch hervorragend vögeln. Natürlich? Klar, sonst hätte ich doch nichts mit ihm angefangen. Klar. Ich nicke zustimmend und bedaure einen Moment lang, anders zu sein. Ich habe Beziehungen begonnen wegen eines bestimmten Blicks oder eines Satzes zwischen Tür und Angel, wegen Wolkenformationen und Lichtverhältnissen, ich sage nicht, dass das immer eine gute Idee war.

And your favourite?

Was für eine seltsame Frage, ich weiß nicht, kann ich nicht sagen. Ich versuche abzubiegen, Marjana lässt mich nicht.

Kannst du doch. Grinsend beugt sie sich vor und krabbelt mit einer Spinnenhand auf mich zu, ich gerate in Panik. Ich will nicht über Paul reden, nicht auf diese Weise, wie war er im Bett, was hat dir die Beziehung gebracht. Ich habe nicht über Paul gesprochen, seit er weg ist, und das ist das einzig Gute daran. Ich schweige in mein Weinglas, und Marjanas Grinsen stirbt. Früher oder später, prophezeit sie, wirst du´s mir erzählen oder dran ersticken.

Aber ich bin nicht wie sie. Ich hole anders Luft, unter Wasser, ich bin ein Kiemenatmer, ein Astronaut, ich haue ab ins Weltall und sauge Sauerstoff aus einer Flasche.

Marjana liegt auf dem Bauch auf meinem Teppich und lernt, also gehe ich spazieren und versuche, ein wenig nachzudenken. Das Nachdenken ist schwierig geworden, seit Marjana da ist. Sie ist laut, auch wenn sie nicht spricht, sich nicht bewegt, sie macht Lärm in meinem Kopf. Draußen auf der Straße ist es vergleichsweise still, trotz der Bauarbeiten auf dem Tahrir Square. Seit Monaten habe ich den Platz gemieden, jetzt gehe ich hin, um herauszufinden, was lauter ist: Marjana oder die Presslufthämmer. Was ich sehe, ist ein Stummfilm: Kräne, Bagger, riesige Betonmischmaschinen, Baufahrzeuge und Lastwagen mit Bergen von Schutt und Sand auf der Ladefläche, es ist ein gigantischer Lärm, doch ich höre ihn nicht, als schaute ich in ein Aquarium, die Arbeiter schwimmen von hier nach dort. Ich habe manchmal solche Ausfälle in meiner Sinneswahrnehmung, ein Sinn gewinnt über den anderen, ein paarmal schon wäre ich fast von einem Auto überfahren worden, weil sich irgendein Geräusch oder Musik aus einem Ghettoblaster vor meine Optik geschoben hat wie ein Vorhang. Nur den Geruchssinn verliere ich nie. Das Aquarium riecht nach Abgasen. Ich flüchte nach Hause, mache einen Umweg, um nicht am Groppi vorbeizukommen, Marjana hat sich in der Zwischenzeit auf den Rücken gedreht, sie lässt ihr Buch sinken, als ich hereinkomme und fragt: Warst du einkaufen? Hast du mir was mitgebracht?, wie ein Kind, das Hausarrest hat.

Paul kam ins Groppi an dem Tag, an dem ich dort anfing. Ich war ziemlich nervös, mein Chef, ein gebildeter, kultivierter Ägypter, war stolz darauf, eine Wienerin in seinem Lokal zu beschäftigen. Er war ein älterer Herr, Österreich war für ihn Sisi, Bruno Kreisky und das Kaffeehaus. Zuletzt hatte ich in einem Technoclub in Amsterdam gearbeitet, im Groppi servierte ich Silbertabletts mit reich verzierten Teegläsern und der berühmten Patisserie an Marmortischchen, an denen ein gehobenes Publikum die Jugendstileinrichtung bewunderte. Zwischendurch strich ich mir die Schürze glatt.

Paul hatte sich hierher verirrt, und ich eilte an seinen Tisch, um ihn nicht zu lange den Blicken der anderen Gäste auszusetzen, ohne dass er ein Getränk vor sich hatte. Als ich ihm seinen Kaffee brachte, fragte er in dem kleinen Moment, in dem ich mich über ihn beugte: Wie kommst denn du hierher, auf deutsch. Lange Geschichte, murmelte ich, und er nickte. Erzählst du sie mir? Doch nicht jetzt! Na dann später.

Den restlichen Nachmittag saß er da, den langen, dünnen Oberkörper in dem schlammfarbenen T-Shirt über den Tisch gebeugt, bestellte jede Stunde Kaffee, las und sah mich nicht mehr an, während mein Chef in einer Ecke neben der Sarabantina stand und mich keine Minute aus den Augen ließ. Als ich um sechs Uhr zu arbeiten aufhörte, folgte er mir nach draußen und ging neben mir her, der Muezzin ersparte uns ein Gespräch. Es war kurz nach Neujahr, und es regnete jeden Tag, Kairo versank im Schlamm. Auf den nicht asphaltierten Straßen stand das Wasser in riesigen Lachen, Paul gab mir die Hand, und ich hüpfte über Pfützen oder wich ihnen aus, immer nach der anderen Seite als er, sodass wir uns nur mehr an den Fingerspitzen berührten. Irgendwann gaben wir es auf, zogen die Schuhe aus und horchten auf das Geräusch, mit dem sich der Schlamm bei jedem Schritt zwischen unsere Zehen drückte, die Ägypter sahen auf unsere Füße, stießen sich gegenseitig an, lachten und schüttelten die Köpfe. Als wir vor meiner Tür standen, sagte er: Und jetzt die Geschichte. Komm rein, sagte ich, es klang viel zu sehr nach einem Versprechen. Dann, um Zeit zu gewinnen: Wie kommst du denn hierher? Er stellte seinen Rucksack im Flur ab, öffnete ihn und zog einen Skizzenblock heraus. Eine Weile blätterte er darin herum, dann reichte er mir ein loses Blatt. Die habe ich heute früh gemacht, noch am Flughafen, ich hatte die deutschen Gesichter so satt. Auf dem Blatt war ein Kopf, oder eigentlich nur die Andeutung eines Kopfes, ein Fragment, mit dünnen Bleistiftstrichen ins weiße Nichts gesetzt, ein alter Mann im Halbprofil, von dem nur ein Auge zu sehen war, ein Stück Mund, ein feines, kaum sichtbares Lächeln, das schüttere Haar verlor sich am Hinterkopf in der Struktur des Papiers. Das Ganze wirkte so unsicher und gleichzeitig so exakt, dass es mich fast zum Weinen brachte. Und deshalb bist du hierher gekommen? Ja, ich hatte das Gefühl, weg zu müssen, um weitermachen zu können, Kairo war der nächste erreichbare Last-Minute-Flug. Das kommt mir bekannt vor, sagte ich. Ja? Ich ging in die Küche und stellte Teewasser auf. Du kannst heute Nacht hier bleiben, morgen besorge ich dir ein Quartier, wie lange willst du bleiben?

Diese leeren Wände, sagt Marjana missbilligend, ich hätte mir wenigstens ein paar Poster aufgehängt.

Halb liegend lehnt sie an einer dieser leeren Wände, mehrere Kissen im Rücken und eins im Nacken, ein nachtblaues Tuch um die Hüften gebunden, der weiße Oberkörper nackt. Mit einem zierlichen, silbernen Löffel rührt sie in einem Teeglas, beides geklaut im Groppi, zum Abschied, der grüne Geruch von Nanaminze hängt in der Luft.

Ich bleib ja nie lange, sage ich, Königin der ausweichenden Antworten, zahlt sich nicht aus.

Marjana kann es kaum glauben.

Du hast ein halbes Jahr lang diese nackten Wände angeschaut?

Warum nicht, sage ich ein wenig gereizt und spüle schwungvoll mit einem Schluck Tee meine Lüge hinunter. Wir schweigen, Ali Farka Toure singt seinen Wüstenblues, ich bin sicher, dass Marjana über die nächste Frage nachdenkt, mit der sie mich drankriegen wird, doch auf einmal seufzt sie, und ich merke, dass sie mit ihren Gedanken woanders ist. Sie lässt sich zur Seite fallen und stützt ihren Kopf in die Hand, ihr Blick wandert an mir vorbei ins dunkle Zimmer.

Als Kind fand ich das Reisen schrecklich, sagt sie, reisen war wie sterben. Ich habe mich so oft verabschiedet, dass ich es heute nicht mehr kann, ich sage niemals goodbye, what´s good about bye? Reisen bedeutete Weggehen, sonst nichts. Immer wieder lief ich durch neue Häuser, neue Räume, auf der Suche nach etwas, nach einem Stück von mir. Aber alles, was ich fand, war das Fremde, es fühlte sich an, als hätte ich eine leere Schachtel statt eines Brustkorbs. Die meisten Häuser bekamen wir möbliert, das Einzige, was uns gehörte, war der Inhalt der Schränke. Irgendwann weigerte ich mich, sie überhaupt einzuräumen. Ich lebte aus zwei Koffern und verteilte meine Sachen auf dem Boden. Das schaffte die Illusion ab, ich wäre irgendwo zu Hause.

Marjana zündet sich eine Zigarette an und bläst den Rauch senkrecht nach oben, die Unterlippe vor die Oberlippe schiebend.

Ich habe zwei Schwestern, fährt sie fort, ich war also nicht allein mit meinem Problem. Wir hatten ein Spiel, es hieß: Bei wem wird es dir am wenigsten leid tun. Jeder zählte seine Freunde und Freundinnen auf, und dann reihten wir sie danach, wie sehr wir es bedauern würden, sie zu verlieren, wenn wir das nächste Mal gingen. Wir machten eine Liste, nach der wir Punkte vergaben. Das Besondere war, dass wir nicht versuchten, herauszufinden, wer uns am meisten, sondern wer uns am wenigsten fehlen würde, das waren die Gewinner in unserem Spiel. Wir sprachen nie darüber, aber wir achteten sorgfältig darauf, uns nicht zu sehr an die Verlierer zu hängen, die, die ganz unten standen auf unseren Listen. Wir waren Ökonominnen der Liebe.

Marjana runzelt die Stirn, lächelt ein wenig verloren, dann nimmt sie einen tiefen Zug von ihrer Zigarette. Die Musik ist zu Ende, ich weiß nicht, wie lange schon. Die Stille ist angefüllt mit Marjanas Erinnerungen.

Wann wirst du gehen, fragt sie plötzlich.

Ich zucke mit den Achseln. Wenn es Zeit ist.

Ach, dann bin ich ja beruhigt.

Ich spüre, wie Wut in mir aufsteigt, kindlicher Trotz.

Was macht dich so verdammt sicher? Es könnte morgen sein.

Ihre Antwort kommt sofort und ohne Zögern: Ich bin nicht sicher, I´m a time addict.

Ich zünde mir ebenfalls eine Zigarette an und blase mit dem Rauch meine mir fremde Wut aus.

Ja, sage ich, das sind wir alle.

Das Meer wirkt bei mir wie eine Gehirnspülung, alles in meinem Kopf wird durchsichtig. Die Wellen rauschen durch meine Ohren direkt an die Schaltstellen meines Nevensystems und legen dort einen Hebel um. Fischbewusstsein. Denken als Mittel zum Überleben und zur Nahrungsbeschaffung und sonst nichts.

Paul sagte, ich muss raus aus der Stadt, fahr mit mir ans Meer. Während ich vor mich hin arbeitete, Geld verdiente und dann weiter zog, immer weiter, hatte er ein Ziel: Gesichter zu finden, vielleicht sein eigenes. Ich erklärte ihm, dass ich von Khalil keinen Urlaub bekommen würde, er sagte, erzähl ihm, du bist krank, nein, sag ihm, dein Vater stirbt, du musst für zwei Wochen nach Hause. Kluger Paul, kein anderes Argument hätte für einen ägyptischen Arbeitgeber schwerer gewogen. Seit gut zwei Jahren hatte ich nicht mehr an meinen Vater gedacht, ich sagte: Mein Vater ist tabu. Warum, fragte Paul, ist er tot? Weiß ich nicht, fuhr ich ihn an, ist mir egal, wenn du ihn noch einmal erwähnst, musst du gehen. Dann gehe ich eben, sagte Paul ruhig. Fährst du nun mit mir ans Meer?

Wir fuhren mit dem Bus den Nil entlang. Zu beiden Seiten des Flusses verlief ein grüner, fruchtbarer Streifen: üppiges Grasland, Bambus und Schilf, Dattelpalmen, Akazien, sogar Obstbäume. An der Grenze zur Wüste endete die Vegetation so übergangslos, als hätte man sie mit dem Stanleymesser abgeschnitten, auf der Landkarte. Danach nur mehr Ödnis, grau, braun und beige.

Ich hatte Khalil angerufen und ihm erklärt, ich hätte eine Darmgrippe und läge im Bett. Kurz bevor wir losfuhren, bekam ich Durchfall, wir nahmen einen Bus mit Toilette, ein winziger, würfelförmiger Raum im hinteren Teil des Busses mit einem kleinen Fenster, in dem ich den größten Teil der Fahrt zubrachte. Ich musste schräg auf der Klomuschel sitzen, um meine Knie unterzubingen, vor dem Fenster zogen die Palmen und später, als wir Richtung Rotes Meer abbogen, die Wüste vorbei, das Bild schaukelte, als würde ein Betrunkener aus der Hand filmen.

Als wir in Hurghada ankamen, war ich gesund, wir fanden ein sauberes, überteuertes Zimmer in einem Neubau mit Jalousien vor den Fenstern, die die ganze Nacht im Wind klapperten. Der Wind war allgegenwärtig, er blies mir Namen und Zahlen aus dem Schädel und bedeckte alles mit einer feinen Schicht aus gelbem Sand, der einem die Augen verklebte und die Poren verstopfte. Ich kämpfte mit meinen langen, dünnen Haaren, die mir dauernd im Gesicht klebten, Paul löste sie mit zwei Fingern von der salzigen Haut und borgte mir Haargummis, die ich alle verlor. An den Vormittagen ging Paul auf den Basar, um zu zeichnen, die Leute wollten ihm seine Zeichnungen abkaufen und reagierten beleidigt, weil er es nicht tat. Paul sagte, er hatte befürchtet, dass sie sich durch seine Portraits beleidigt fühlen würden, aber sie waren geschmeichelt, wahrscheinlich dachten sie, Paul sei ein berühmter deutscher Künstler. Währenddessen ging ich spazieren, es war außerhalb der Saison, große Teile von Hurghada wirkten verlassen wie eine Geisterstadt. Ich fühlte mich, als spielte ich eine Urlauberin in einem amerikanischen Film, die Rolle schien mir schlecht besetzt. Wir gingen schnorcheln, wir sahen Korallen, aber keine Fische, als würden auch sie Urlaub machen. Den halben Tag ließen wir uns vom Wasser tragen, bis wir vollgesogen waren wie überdimensionale Schwämme, runzlig und aufgeweicht in den Konturen. Ich schlief das erste Mal mit Paul, daran war das Meer schuld und ein kleiner Satz, wie so oft, er sagte ihn beim Essen, über seinen Fisch gebeugt, ich dachte gerade darüber nach, dass uns wohl jeder im Lokal für ein Paar hielt, er sagte: Wenn Fische sprechen könnten, würde ich sie nicht essen. Und deshalb, ergänzte ich, essen Menschen keine Menschen. Er nickte. Genau, wir essen nicht, mit wem wir sprechen. Aber wir töten, sagte ich, die Sprache hindert uns nicht am Töten. Ja, sagte Paul, dieses Ja, das einen Gedanken beendete, als wäre einem beim Schreiben das Papier ausgegangen. Paul roch nach feuchter Erde und Farn und ein wenig nach Zitrone, er blieb lange Zeit sehr still und kam dann mit schnellen, fliegenden Atemzügen, seine Brust hob und senkte sich unter mir, er löste seine Hände von meinem Körper und breitete die Arme aus wie die Möwen ihre Flügel über dem Meer. Einen Tag später wurde er krank, er hatte sich wohl bei mir angesteckt und offenbar verfügte er nicht über meine Widerstandskräfte. Er verlor so rasch so viel Flüssigkeit, dass es bald nichts mehr gab, was er hätte von sich geben können, die Farbe wich aus seinem Gesicht, und ich bekam Angst. In der glühenden Hitze lief ich durch den Ort und läutete den Apotheker aus seiner Mittagsruhe. Er gab mir Tierkohle und Elektrolyte, die ich mit viel Wasser in Paul einfüllte, als wäre er eine leere Feldflasche. Den halben Tag lag er da, schlief nicht, sprach nicht, er sah nur apathisch aus dem Fenster, ich überlegte, ob seine Gehirnströme vielleicht gelitten hatten. Ich schlief noch einmal mit ihm, um diesen Verdacht zu zerstreuen und seine Reflexe zu prüfen, die jedoch einwandfrei funktionierten. Er bewegte sich kaum, aber seine Hand kroch mir langsam ins Kreuz und den Rücken hinauf wie eine noch halb erstarrte Eidechse, auf die morgens die Sonne scheint. Sie war warm. Mittendrin begann er zu reden, er phantasierte von Fischen und Menschenfressern, wahrscheinlich hatte er Fieber, sein Atem war heiß. Die Fische werden kommen und uns fressen. Sei froh, dass sie noch nicht da sind. Hörst du, Anna? Wir sollten bald abreisen, sie bereiten sich vor. Sie werden nicht mit uns verhandeln, sie werden uns fressen, einfach so. Recht geschieht uns. Weil wir nie versucht haben, mit ihnen zu sprechen.

Ich kannte jemanden, der es versucht hat, sagte ich und grub meine Nägel in seine Schultern. Paul seufzte, lächelte und breitete seine Arme aus. Danach dachte ich einige Minuten lang, er sei tot oder eingeschlafen, doch kurz bevor ich selbst in den Schlaf fiel wie vom Rand der Welt fragte er:

Und, ist es ihm gelungen?

Marjana ist bei mir eingezogen, so schnell und unauffällig, dass ich es kaum bemerkt habe. Das Unauffällige daran war, dass sie mich nicht um meine Meinung gefragt hat. Jetzt stehen ihre Highheels in einer langen Reihe in meinem Flur, direkt neben meinen Dschungelschuhen. Warum trägst du die nie, fragt mich Marjana. Das sind meine Reiseschuhe, wenn ich die anziehe, bin ich weg. Und deine restlichen Schuhe, wo ist dein Schuhschrank? Kein Schuhschrank für Nomaden, ich deute auf meine halb zerfallenen Pumas und die schlichten, schwarzen Sandalen, die neben der Tür stehen, in die schlüpfe ich jetzt und trete in die feuchtwarme Abendluft hinaus, Marjana möchte mit mir ausgehen. Sie sagt, sie will mir ihr Kairo zeigen, Kairo by night, ich glaube, sie will mich betrunken machen, um mich zum Reden zu bringen. Immer wieder mache ich den Fehler, sie für berechenbar zu halten, dabei ist es gerade ihre Weigerung, auch nur ein Gramm Energie in das Verbergen ihrer Absichten zu investieren, die sie völlig unberechenbar macht. Ich zähle also die Straßenecken bis zur ersten Frage, es sind drei. Seit wann bist du eigentlich unterwegs?, es klingt, als würde sie fragen: Was hast du eigentlich studiert oder: Welches Obst magst du am liebsten. Ich überlege, ob ich jetzt irgendeine Phantasiezahl nennen oder die Wahrheit sagen soll, zögere einen Moment zu lang, Marjana sagt: Come on, quickly, we have to cross, nimmt mich an der Hand und beginnt mir, noch während wir die Straße überqueren, von ihrer Zeit in Madrid zu erzählen. Ich laufe neben ihr her, sie bringt die Sprachen durcheinander, und ich muss sie unterbrechen, weil ich kein Spanisch kann, ich fühle mich betrogen. In dem Club, in den wir gehen, komme ich mir so einsam vor, wie ich es alleine niemals bin, obwohl Marjanas Freunde so bemüht sind, mich in ihr Gespräch einzubeziehen, dass es schon fast peinlich ist. Ich aber bin stumm, so stumm wie der Fisch auf Pauls Teller, ich wünsche mir, die Fische mögen kommen und mich fressen. Ich trinke zu viel, um die aufkommende Sehnsucht nicht zu spüren, aber ich habe vergessen, dass Alkohol sentimental macht und verliere mich in Erinnerungen.

Erst um vier Uhr morgens, als ich sicher bin, dass Marjana schläft, sage ich: Zehn Jahre, in genau zwei Wochen sind es zehn Jahre. Marjana hebt die Hände und streckt ihre zehn langen Finger in den Streifen Mondlicht, der durchs Fenster auf unser Bett fällt.

...


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