Auszug aus Zehntelbrüder

1

Es war in diesem verrückten Jahr, als der Orkan Kyrill über Europa hinwegfegte. Das war im Jänner. Ich erinnere mich, dass ich abends das Fenster öffnete und diese Luft hereinströmte, die sich nicht anfühlte wie Luft, sondern wie etwas Dickeres, Dichteres, etwas, das sich im Übergang befand zwischen Gas und Flüssigkeit, zu warm, zu feucht, zu schwer zum Atmen. Draußen war es still wie in einer Kirche. Im Fernsehen hatten sie gesagt, man solle die Fenster schließen und im Haus bleiben. Ich blieb am Fenster stehen und rauchte eine Zigarette. Eine Frau kam mit ihrem Hund die Straße entlang, ihre Schritte hallten, als durchquerte sie einen leeren Betonbau. Da ich in der Nacht zuvor gearbeitet hatte, war ich müde und ging früh ins Bett. Ich schlief wie ein Stein, vom Orkan bekam ich nichts mit. Am nächsten Morgen war die Straße übersät mit allem möglichen Müll und Ästen, entlang des Parks lagen ganze Baumstämme quer und blockierten Fahrbahn und Gehsteig. Ich flankte über sie hinweg, als ich mir mein Frühstück holte. Der Jänner blieb warm und stürmisch, und als es März wurde, hatten wir eigentlich keinen richtigen Winter gehabt, dafür weitere Stürme und eine Menge Regen. In den Nachrichten hörte ich, dass die Stürme in Mitteleuropa drastisch zugenommen hätten und man sich in Hinkunft an sie gewöhnen müsse.

Im April geriet meine Beziehung zu Hannah ins Trudeln. Wir stritten uns, was bis dahin kaum vorgekommen war. Es begann mit einer Essenseinladung bei ihrer Familie, zu der ich nicht mitkommen wollte. Obwohl wir schon zwei Jahre zusammen waren, hatte ich noch niemanden von ihrer Verwandtschaft kennengelernt. Ich fand, das konnte so bleiben. Es lag nicht daran, dass ich besonders schüchtern war oder mich ihre Leute nicht interessierten. Es lag an den Fragen. Und die Fragen würden kommen, da war ich mir sicher. Und, was machen deine Eltern so?

Schon wäre ich geliefert.

Nein, ich bin keine Waise. Ich bin nicht im Kinderheim aufgewachsen und auch nicht adoptiert. Ich weiß, wer mich gezeugt und wer mich geboren hat, und ich kenne sie beide. Trotzdem würde ich diese zwei Menschen niemals in einem Wort und Atemzug als meine Eltern bezeichnen. Genau genommen hat es im Laufe meines Lebens keine einzige Gelegenheit gegeben, die die Anwendung dieses vergemeinschaftenden Begriffs notwendig gemacht hätte. Ich könnte es mir einfach machen und sie meine leiblichen Eltern nennen. Aber das würde die beiden auf ihre biologische Funktion beschränken und die Vermutung nahelegen, dass es irgendwo ein anderes Elternpaar gibt, das mich aufgezogen, erzogen, verzogen hat – Zieheltern also –, und so war es nicht. Das ginge an der Wahrheit vorbei und diese Wahrheit war nichts, was ich beim Essen mit der Familie meiner Freundin erklären wollte.

Auch die Frage nach Geschwistern hätte mich in Verlegenheit gebracht. Ich habe zwei Stiefbrüder, einen Halbbruder, und dann sind da noch die Töchter der ersten Frau meines Stiefvaters aus zweiter Ehe ... vor meinem geistigen Auge sah ich die Mischung aus peinlichem Berührtsein und angestrengter Konzentration im Blick von Hannahs Eltern, während sie versuchten, meine Familienverhältnisse zu verstehen.

Dazu kam, dass Hannah fast zehn Jahre älter war als ich, und unser Altersunterschied würde noch andere Fragen nach sich ziehen, Fragen wie: Was willst du denn später einmal machen? Kann man vom Platten-Auflegen eigentlich leben?

Ich erklärte Hannah, ich fühlte mich noch nicht bereit.

Nur keine Eile, sagte Hannah, du kannst meine Eltern ja auch noch auf dem Friedhof kennenlernen. Das wird bestimmt nett. In der Folge gab es weitere Streits, die Lage spitzte sich zu und gegen Ende April herrschte Funkstille zwischen uns. Ich war verwirrt und unglücklich und ließ mich ein wenig gehen. Ich machte meine fixen Jobs und die Sachen, die schon seit längerem ausgemacht waren, aber ich bemühte mich kaum um neue, und an den Tagen, an denen nichts zu tun war, saß ich zuhause herum, hörte Musik und starrte ins Leere.

An einem dieser Tage war ich bei Toni babysitten. Toni ist eine Zeitlang die Freundin meines Stiefvaters gewesen, bis sie den Exfreund meiner Tante Bea kennengelernt und mit ihm Max gezeugt hat. Max war inzwischen fünf und ich passte manchmal auf ihn auf, wenn Toni ausging oder er krank war und nicht in den Kindergarten gehen konnte. Diesmal hatte er die Windpocken und Toni musste dringend zur Arbeit, also rief sie mich an.

Hattest du als Kind die Windpocken?, fragte sie mich.

Das mit den Bläschen, die so höllisch jucken und wo man dieses weiße Zeug draufschmiert?, fragte ich zurück.

Ich hatte ein Bild im Kopf. Mein jüngerer Halbbruder Julius, der nackt durch die Wohnung rennt, verfolgt von Jenny, ein Fläschchen mit einer milchigen Flüssigkeit in der einen und einem Wattestäbchen in der anderen Hand. Jul, gefleckt wie eine Kuh, weinend, der seinen kleinen Penis mit beiden Händen bedeckt, während Jenny beruhigend auf ihn einredet und ihm ein paar letzte Kuhflecken verpasst.

Genau das, sagte Toni.

Kann mich nicht erinnern.

Bist du bereit, es zu riskieren und auf Max aufzupassen? Ich muss unbedingt auf zwei, drei Stunden ins Büro, sonst bricht dort alles zusammen. Ich werd’ schon nicht sterben, sagte ich, bin schon unterwegs.

Eine Stunde später saß ich mit Max in seinem Zimmer auf dem Boden. Wir zeichneten. Max zeichnete viel und gerne, hauptsächlich fantastische Landschaften und Tiere, die es nicht gab. Wie bei allen Zeichnungen von Fünfjährigen fehlte die räumliche Perspektive und die Proportionen schienen oft grotesk, doch seine Vorstellung von diesen Welten und Wesen war so detailliert, dass er oft ziemlich lange brauchte, um sie aufs Papier zu bringen, und dabei eine für sein Alter ungewöhnliche Ausdauer entwickelte. An jenem Vormittag, an dem er den Stift alle paar Minuten dazu benutzte, sich irgendwo zu kratzen, und ich versuchte, ihn davon abzuhalten, zeichnete er ein vielarmiges Wesen, ein grinsendes Monster, halb gutmütig, halb diabolisch, mit Hasenohren und einem Zylinder auf dem Kopf, was mich ein wenig an Alice im Wunderland erinnerte. Ich vermutete, dass er vielleicht den Film gesehen hatte oder dass Toni, die unter anderem Bücher illustrierte, ihm aus dem Buch vorgelesen hatte, doch er erzählte mir, er habe im Fernsehen einen Zauberer gesehen und sich gefragt, warum er ein Kaninchen aus seinem Hut zauberte und nicht ein Meerschweinchen. (Max wünschte sich eines, schon lange. Er sagte Meerweinchen, weil er das schw nicht aussprechen konnte.) Dann sah er plötzlich von seiner Zeichnung auf, heftete seinen Philosophenblick auf mich und fragte: Bist du verwandt?

Wie? Mit wem?

Max biss sich auf die Unterlippe und sein Blick wanderte ins Leere. Offensichtlich wusste er nicht, wie er seine Frage anders formulieren sollte, doch im selben Moment fiel in meinem schlecht programmierten Erwachsenenhirn der Groschen.

Du meinst wir beide?, fragte ich. Ob wir miteinander verwandt sind?

Max nickte und strahlte. Ja – ob du verwandt bist. Ich seufzte. Das ist eine schwierige Frage, sagte ich. Warum, wollte Max wissen.

Na ja. Eigentlich sind wir nicht verwandt.

Nein?

Nein.

Max machte ein enttäuschtes Gesicht. Aber Toni sagt, du gehörst zur Familie. Zu welcher Familie, fragte ich.

Max zuckte mit den Schultern. Er zeichnete jetzt wieder, sein Monster bekam einen weiteren Arm. Ich und Toni, sagte er. Tante Bea. Gisela und Jenny. Und Jul und Lilli. Mila nicht, sie hat einmal mein Legohaus kaputtgemacht.

Ich musste grinsen.

Möchtest du, dass ich dazugehöre?

Max nickte heftig. Mir wurde ziemlich warm. Ich zog meinen Pullover aus.

Also, wenn du es möchtest und Toni es sagt, dann gehöre ich dazu.

Max nickte noch einmal. Dann sah er mich wieder an, mit prüfendem Blick.

Aber für einen Bruder bist du zu alt, stellte er fest.

Na hör mal. Ich bin doch auch Juls Bruder.

Ja, aber der geht schon aufs Gynasium, sagte Max. Es klang, als hätte es etwas mit Nase zu tun. Außerdem – er nahm den Stift in seine kleine Faust und kratzte sich umständlich am Rücken – habt ihr dieselbe Mama.

Das war nicht zu leugnen.

Ja, schon, sagte ich vorsichtig. Aber du weißt doch: Toni und ich haben eine Zeitlang in derselben Wohnung gewohnt. Zusammen mit Janek. Es ist zwar schon eine Weile her – du warst noch nicht auf der Welt –, aber damals hat sie für mich Mittagessen gekocht, mir bei den Hausaufgaben geholfen, mir Tee gemacht und Medizin gegeben, wenn ich krank war. Sachen, die sie auch für dich macht.

Ich habe noch keine Hausaufgaben, sagte Max ein wenig trotzig, und ich begriff, dass ich seine Exklusivität verletzt hatte, eine Exklusivität, die ich so nie erlebt hatte und für die mir das Gefühl fehlte.

Aber du wirst bald welche haben, insistierte ich, und Toni wird dir dabei helfen, so wie sie mir geholfen hat.

Ich wusste, dass ich meinen Finger nochmals in dasselbe Loch bohrte, aber ich konnte nicht anders – ich wollte ihm etwas erklären. Mein Blick fiel auf seine Zeichnung.

Schau, das ist ein bisschen wie dieses Ding auf deiner Zeichnung – Der Mikantu?

Richtig, wie dein Mikantu.

Wer, Toni? Max schaute verwirrt drein. Aber sie hat nur zwei Arme.

Richtig. Und manchmal sind zwei Arme zu wenig. Toni kann mit ihren zwei Armen nicht gleichzeitig im Büro am Computer Sachen machen und hier bei dir zuhause sein und mit dir zeichnen. Also braucht sie zwei andere Arme. Oder, sagen wir, du brauchst sie.

Deine Arme, sagte Max und zeigte mit dem Stift auf mich. Zum Beispiel, sagte ich.

Oder die Arme von Gisela oder Jenny oder von Tante Bea. Genau, sagte ich.

Max legte den Stift weg und begann mit Hilfe seiner Finger zu zählen.

Als er fertig war, sagte er: Cool, meine Mama hat zehn Arme.

Ich schloss die Augen. Wie lange würde es dauern, bis er darauf kam, dass es zwei Arme gab, die in seinem Leben fehlten? Und doch: Max hatte Glück. Er hatte Toni, die zehnarmige Toni. Und er war praktisch eine ganze Generation jünger als ich. Manchmal fühlte ich mich ihm gegenüber wie jemand, der noch im Krieg war und nicht weiß, wie er seinen Enkeln das Gefühl von Hunger oder die Angst vor dem Feind erklären soll.

Aber solche Dinge kann man nicht erklären. Man muss sie erlebt haben. Man kann davon erzählen, aber man darf nicht erwarten, dass jemand anderes es versteht. Kinder sind genervt davon. An sich sind sie die besten Zuhörer der Welt, aber nur, wenn sie sich etwas vorstellen können. Krieg kann man sich nicht vorstellen. Ich machte die Augen wieder auf. Max saß still da, versunken in den Anblick seines Mikantus.

Ja, sagte ich. Das ist wirklich cool.

Später am Tag saß ich zu Hause herum, hörte Musik, starrte ins Leere und überlegte zum hundertsten Mal, ob ich Hannah anrufen sollte. Wenn du sicher bist, dass du dich auf etwas einlassen willst, hatte sie gesagt, kannst du dich wieder melden. Einlassen worauf ?, hatte ich gefragt. Auf mich. Das mich war aus der Leitung gezischt wie Dampf, der aus einem plötzlich geöffneten Ventil entweicht, unter großem Druck. Aber vielleicht, hatte sie noch hinzugefügt, bist du ja doch einfach zu jung für mich. Zu jung. Ich war für eine Menge Dinge in meinem Leben zu jung gewesen. Vielleicht ist das erblich. Margit war zu jung gewesen, um mich zu bekommen, so viel ist sicher. Als ich gerade gehen konnte, war ich zu jung, um in einer Wirtshausküche zu leben. Ich war zu jung, um zu verstehen, warum ein Mann namens Chris alle paar Monate auftauchte und sich gebärdete, als wäre er mein Vater (er war mein Vater), und dann wieder verschwand.

Als Margit und Janek heirateten, war ich zu jung, um mich gegen meine älteren Stiefbrüder zu wehren, die mich bei der Hochzeit in eine Mülltonne steckten und den Deckel zuklebten. Mit neun war ich Zeuge einer Szene, in deren Verlauf Margit sich selbst mit einer Buddhastatue gegen den Kopf hämmerte und die damit endete, dass Janek sie ins Krankenhaus brachte. Dafür war ich definitiv zu jung. Wenn ich an die Ereignisse dieses Tages denke, bin ich nicht sicher, ob es überhaupt möglich ist, alt genug für sie zu sein. Darüber hinaus glaube ich, dass ich besser daran getan hätte, mit fünfzehn nicht mit Edda Kieslauer zu schlafen, denn ich fühlte mich zu jung für die Konsequenzen dieser allerdings nicht bewusst getroffenen Entscheidung. Abgesehen davon war ich für Edda damals ohne jede Frage – zu jung.

Über all das dachte ich nach, während ich an jenem Nachmittag zuhause saß und mein Telefon hypnotisierte, und dann fiel mir Max wieder ein. Da war jemand, der mich in seinem Leben haben wollte. Nicht wie Hannah – sie hatte Vorstellungen, Pläne. Max hatte keine Pläne. Er wollte mit mir verwandt sein. Was das hieß? Ich wusste es nicht. Verwandt ist man, ob man will oder nicht, normalerweise sucht man sich das nicht aus. Manchmal sagt man auch, man fühlt sich verwandt, wenn man Gefühle, Gedanken oder Erlebnisse mit jemandem teilt. Aber das war es nicht, was Max meinte. Wenn Max mich ansah, spürte ich etwas anderes. Es war in meinem Brustkorb, Max war in meinem Brustkorb, oder etwas von ihm. Er selbst legte es dort hinein, wie eine besondere Murmel, die er nicht verlieren wollte. Er wollte sicher sein, dass es am nächsten Tag noch da war.

2

Meine frühe Erinnerung besteht aus Licht und Geruch. Das Licht fiel durch einen gemusterten Vorhang aufs Bett und warf das Negativ des Musters auf Leintuch, Decke und Polster. Das Licht war orange und wenn es draußen regnete, war es ziemlich dunkel. Wenn die Sonne schien, begann alles im Zimmer zu leuchten. Die Vorhänge wurden nie zurückgezogen, denn wir wohnten in einem Zimmer im Erdgeschoss, und jeder, der vorbeiging, konnte bis in unser Bett sehen.

Der Geruch kam aus dem Stiegenhaus. Margit hasste ihn. Es roch nach unzähligen Wiener Schnitzeln und Pommes, die in zu lange nicht gewechseltem Fett herausgebacken wurden. Manchmal roch es auch nach Rindssuppe oder Kohlgemüse. Die Tür direkt neben unserer führte in eine Wirtshausküche. Margit arbeitete dort, sechs Tage die Woche, schälte und schnitt Kartoffeln, panierte, bediente die Fritteuse. Sie bekämpfte den Geruch mit Raumspray, Deospray und Räucherstäbchen. Sie stand nach der Arbeit Ewigkeiten unter der Dusche, während ich wartete und wartete und wartete. Meine frühe Erinnerung ist das Warten. Es gab verschiedene Orte des Wartens. Ein riesiger, alter Kinderwagen, taubenblau, mit kaputtem Sonnendach. Margit spannte eine Stoffwindel zwischen die nackten Streben, wenn sie den Wagen im Sommer in den Hof stellte. Sie ließ die Tür und das Gangfenster offen, damit sie mich hörte, doch manchmal zischte das Fett einfach zu laut. Ein Gitterbett ohne Boden und ohne Matratze, das mir als Gehschule diente und das neben der Spülmaschine stand. Das Wasser gurgelte und rauschte in der Maschine. Margit hatte lauter Zeug an den Gitterstäben befestigt, das ich mochte: Ein Halstuch mit glitzernden Fransen. Einen alten Schlüsselbund. Lederbänder mit bunten Perlen. Eine Fußkette mit Schellen dran. Eine kleine, lila Stoffkuh. Margit hatte alles an den Stäben festgebunden, damit ich es nicht dauernd aus dem Gitterbett hinauswarf und sie oder die alte Zach bei der Arbeit darüberstolperten.

Die alte Zach war die Frau des Besitzers. Sie war für die Küche zuständig, er für die Schank. Sie hatte unglaublich dicke Beine, im Sommer nackt, im Winter in fleischfarbenen Strümpfen, durch die ich die hervortretenden Venen sehen konnte, wenn sie an mir vorbeiwackelte. Das Wackeln war begleitet von einem nie endenden Lamento über die Schmerzen in ihrer Hüfte, ein sich ewig aufund abwiegendes Klagelied, nur unterbrochen von den Anweisungen, die sie Margit und der hageren, schmalgesichtigen Kellnerin gab, und den gewitterartigen, krächzenden Wutausbrüchen ihres Mannes. Zwischendurch kam sie an mein Gitter, klingelte mit den Schellen, strich mir mit ihrer rotfleischigen Hand über die Haare und ihre Mundwinkel wanderten in die Breite und nach oben, was ihr Gesicht völlig veränderte. Es war eine fast magische Verwandlung, die das Licht und die Temperatur im Raum veränderte. Niemand hat mich je wieder so angelächelt. Als die alte Zach starb, habe ich das letzte Mal geweint.

Von ihr weiß ich alles über diese Zeit. Als ich in die Pubertät kam und es für mich nirgendwo nach zuhause roch, fing ich an, sie zu besuchen. Ich ging montags, wenn das Gasthaus geschlossen hatte, nach der Schule hin, bekam die Reste vom Sonntag und als Nachtisch ihre Erinnerungen. Wir saßen in der Küche, nicht in der Gaststube – eine andere Welt, die nach Rauch und saurem Wein roch und in der wir nichts verloren hatten. Was wir verloren hatten, war hier, zwischen Herd und Fritteuse und den von heißem Fett und Kochdunst gelben Wänden. Die alte Zach erzählte in derselben Melodie, in der sie sich früher über ihre Hüftprobleme beschwert hatte (was sie immer noch tat), und schon allein diese Melodie weckte vieles in mir auf. In ihren Erzählungen fand ich Bruchstücke meiner eigenen Erinnerung, winzige Splitter, die plötzlich aufleuchteten, um manches Mal sofort wieder zu verlöschen und in meinen Träumen wiederzukehren. Andere blieben und verbanden sich mit anderen, späteren Erinnerungen zu Bildern, die ich in das Fotoalbum einklebte, das es nie gegeben hat. Auf dem ersten Foto, das es von mir gibt, bin ich sechs.

Die alte Zach erzählte mir außerdem von Chris. Sie nannte ihn einen Taugenichts, einen Windhund. Dabei hat er gut ausgeschaut, sagte sie, fescher Kerl. Ein bissl ungepflegt, aber sonst. Zum Friseur hätt’ er einmal gehen können. Ein Casanova war er jedenfalls nicht. Deine Mutter hat er trotzdem unglücklich gemacht. Sie hätt’aber auch g’scheiter sein können. Heutzutag’muss so was nimmer passieren.

Mit so was meinte sie mich. Oder wenigstens den Zeitpunkt meiner Geburt. So kurz vor dem Schulabschluss, sagte sie. Wenn er wenigstens aus guter Familie g’wesen wär’, aber so. Was G’scheites arbeiten hätt’ er trotzdem gehen können. Wie sie überhaupt an den geraten ist. Wollt’ sie mir nie erzählen, deine Mutter. Mir auch nicht.

Wie und wo die Tochter eines Großindustriellen, Inhaber einer Supermarktkette, einer Luxusvilla in Grinzing und mehrerer teurer Autos, Arschloch und außerdem mein Großvater, Christian Wewerka, ein Arbeiterkind aus Favoriten, kennengelernt hat und wie es zu dem ungeschützten Geschlechtsverkehr zwischen den beiden kam, der zu meiner Existenz führte, wird wohl ewig im Dunkeln bleiben. Auch Chris wollte bei unseren äußerst sporadischen Zusammentreffen all die Jahre nie etwas dazu sagen.

In der Wirtshausepoche war Chris für mich der Geruch seiner Lederjacke, vermischt mit Zigarettenrauch, billigem Rasierwasser und Schokolade, die er mir hinter Margits Rücken in den Mund stopfte. Er kam von Zeit zu Zeit, blieb eine Nacht oder zwei, stritt sich mit Margit und verschwand wieder, nicht ohne das Versprechen, dass, wenn er endlich berühmt wäre, er uns beide da rausholen würde. Wo rausholen, fragte ich. Na, aus diesem Loch, sagte Chris. Ich stellte mir ein Kaninchenloch vor und verstand nicht, was unser Zimmer oder die Küche der alten Zach damit zu tun haben sollten.

Berühmt werden wollte er mit seiner Musik. Er spielte Gitarre, sang dazu und hielt sich für den nächsten Mick Jagger.Tatsächlich hatte er eine gute Stimme und einen schlechten Sinn für Realität. Gemeinsam mit einem Freund, der eine Vier-Spur-Tonbandmaschine besaß und Schlagzeug spielte, nahm er Demosongs auf, die er an Plattenfirmen aus dem Telefonbuch verschickte. Immer wieder. Er glaubte wohl ernsthaft, irgendwann in der Zukunft, an einem rosaroten Tag, würde sich in einem hellen, großzügigen Büro das große Wunder ereignen: Ein wichtiger, lässig gekleideter Typ (Levisjeans, T-Shirt mit exklusiver Signatur von Sting, Ray-Ban) der gerade eine kreative Pause macht, weil ihm partout nicht einfallen will, woher er den nächsten Chart-Erfolg nehmen soll, wühlt auf der Suche nach Inspiration gedankenverloren in den Demotapes herum, zieht eines heraus, legt es ein und – zack! – da ist er, der ultimative Hit von Chris the Wiz. Der Typ ist hin und weg, die Tür geht auf, ein Kollege betritt das Büro, bleibt abrupt stehen, hört ein paar Takte zu, wippt mit dem Fuß, hey, was ist das, ist ja WAHNSINN ... wie gesagt, seine Vorstellungen waren nicht sehr lebensnah. In Wirklichkeit gab es vermutlich bei bellaphon oder Polygram irgendwann einen eigenen Mistkübel für Chris the Wiz-Tapes, eine Art musikalische Sondermülldeponie.

Die alte Zach wusste nur, dass Chris immer eine Gitarre dabei hatte und kaum Geld verdiente. Ich selbst erinnere mich, dass er abends manchmal in unserem Zimmer saß und spielte, am offenen Fenster. Hin und wieder blieben Leute auf der Straße stehen und hörten zu. Auch Margit hörte zu, auf dem Boden sitzend, die Arme um die angezogenen Beine geschlungen, das Kinn auf den Knien. Sie machte einen hypnotisierten, abwesenden Eindruck. Im Nachhinein glaube ich, dass es weniger um die Musik ging als um das Bild, das sie sah: das Bild eines Träumers, der keine Beschränkung seiner Träume duldete, ein Großstadttroubadour, der für sie eine Freiheit verkörperte, die sie sich hatte einverleiben wollen. Doch es war anders gekommen. Genau dieser Wunsch hatte sie weiter von der Freiheit entfernt, als sie es je zuvor gewesen war. Und das würde sie ihm niemals verzeihen.

3

Ich erwachte mit Kopfschmerzen. Irgendwann während meines quälenden inneren Hannah anrufen, Hannah nicht anrufen-Monologs hatte mich eine lähmende Müdigkeit überfallen. Da ich ohnehin schon auf dem Bett gesessen hatte, war es nur ein kleines Nachgeben in der Rückenmuskulatur gewesen, das mich von einem jener bleischweren, ohnmachtsartigen Schlafanfälle getrennt hatte, die sich in letzter Zeit bei mir häuften. Es war reines Glück, dass ich gerade noch rechtzeitig aufwachte, um mein Zeug zusammenzupacken und um neun im Wirr zu sein, wo ich heute das DJ Line up darstellte – normalerweise waren wir zu zweit oder zu dritt, aber diesmal waren die Kollegen alle irgendwo anders unterwegs, also würde ich den Abend alleine bestreiten, mit einer gepflegten Mischung aus Soul, Funk und Hip-Hop, strictly groove. Draußen regnete es und die Räder meines Trolleys machten ein hellgraues, feuchtschmatzendes Geräusch auf dem Gehsteig, während ich die Burggasse entlangging. Im Wirr war die Luft jetzt schon dick, obwohl noch kaum jemand da war, ich legte einen Sampler auf und holte mir ein Bier. Tina, das Barmädchen, wunderte sich, normalerweise trank ich Cola, aber heute brauchte ich die leichte Dumpfheit, die sich bei mir als Nichttrinker verlässlich nach einem Bier einstellte. Außerdem hoffte ich, es würde meine Kopfschmerzen betäuben.

Zwei Stunden später war der Laden voll, es herrschte gute Stimmung, alle waren gut drauf, nur ich nicht, ich war heute einfach nicht richtig bei der Sache. Zum Glück schien das keinem aufzufallen, die Leute tanzten, schwitzten und tranken, schrien sich gegenseitig über die Musik hinweg an, während ich immer noch darüber nachdachte, ob ich später Hannah anrufen sollte oder nicht. Überhaupt schienen sich all meine Gedanken in den letzten Wochen in einer Endlosschleife zu bewegen, immer wieder kam ich an denselben Punkten vorbei, als würde ich mit derselben U-Bahn-Linie immer dieselbe Strecke abfahren, von einer Endstation zur anderen und wieder zurück.

Gegen halb eins tauchte Julius auf. Schon sein Anblick machte mich ärgerlich. Er wusste genau, in was für eine Situation er mich brachte. Obwohl er um diese Zeit zuhause sein sollte und am nächsten Tag wahrscheinlich wieder mal nicht zur Schule gehen würde, konnte ich ihn trotzdem nicht bei Jenny verpfeifen. Halbbrüdersolidarität. Die Frage war nur, wie solidarisch es tatsächlich war, einfach zuzuschauen, wie er Mist baute. Das Problem war, dass ich eine Grenze überschritten hatte, und zwar einfach nur dadurch, dass ich älter geworden war. Es ging nicht mehr darum, dicht zu halten, wenn er Janeks Taschenmesser verloren oder trotz Fernsehverbots die Fernbedienung aus Jennys Versteck geklaut hatte. Unser Altersunterschied hatte uns in zwei verschiedene Lager befördert. Er war gerade sechzehn geworden, ich war vierundzwanzig. Ich wohnte allein, verdiente mein eigenes Geld. Ich war ein Erwachsener, in dem platten, unhinterfragten Sinn eines amtlichen Steuerbescheids, und diese Rolle machte es mir schwer.

Aber ich konnte nichts dagegen machen, ich kam mir einfach komisch vor, wenn ich Jul sagte, was mir nicht gefiel: Dass er Jenny anlog, sich mit rechtslastigen Typen herumtrieb und ihre dummen Parolen nachplapperte, schlechte Musik mit zweifelhaften Texten hörte und sein mit Pickeln übersätes Babyface mit immer mehr Piercings durchlöcherte.

Mit dem unsicheren, arroganten Grinsen auf dem Gesicht, das sich in letzter Zeit in seinen Zügen festgefressen hatte, kam er zu mir herüber.

Na, seifst du sie mal wieder ein?, fragte er. Einseifen. Meine Güte.

Wen? Ich stellte mich blöd.

Die ganzen Idioten da. Er deutete mit dem Kopf in Richtung Tanzfläche.

Was für eine Scheißmusik, fügte er abfällig hinzu.

Wenn du sie so scheiße findest, warum bist du dann hier?

Er antwortete nicht, grinste wieder vor sich hin, sah mich nicht an.

Okay, sagte ich, in zehn Minuten mache ich Pause, dann gehen wir raus und du sagst mir, was los ist.

Er zuckte mit den Achseln und verdrückte sich. Ich überlegte kurz, ob ich Tina sagen sollte, dass er erst fünfzehn war und kein Bier bestellen durfte. Bestimmt hatte er keinen Ausweis dabei, um das Gegenteil zu beweisen. Irgendwie provozierte er in letzter Zeit das Arschloch in mir.

Eine Viertelstunde später standen wir draußen vor der Tür. Es regnete immer noch, aber ich brauchte dringend frische Luft. Wir drängten uns an die Hausmauer, ich zündete mir eine Zigarette an.

Also, sagte ich, was gibt’s.

Nichts, was soll’s geben. Keine Lust, nach Hause zu gehen. Er trat von einem Fuß auf den anderen, obwohl es nicht kalt war, kickte mit dem Absatz seiner Boots gegen die Mauer, einmal links, einmal rechts.

Einen Grund, sagte ich. Raus damit.

Er steckte die Hände in die Hosentaschen und betrachtete seine Stiefelspitzen.

Sind erwischt worden, Schulli und ich.

Ich hatte keine Ahnung, wer Schulli war. Seine Freunde kannte ich nicht mehr, seit ich bei Jenny ausgezogen war.

Erwischt? Wobei?

Schmiererei. Er spuckte aus. Lächerlich.

Kommt drauf an, wo man schmiert und vor allem was, sagte ich. Hakenkreuze erschienen vor meinem geistigen Auge, mit schwarzer Farbe auf irgendwelche Mauern gesprüht. Mir wurde schlecht. Warum kam er damit zu mir?

Ich sah Jul von der Seite an und wartete auf den Rest seines Geständnisses, doch er schwieg beharrlich. Zu meiner Überraschung erkannte ich im kalten Licht der Straßenbeleuchtung, dass er rot geworden war. Das brachte mich von meiner Hakenkreuzfantasie ab.

Was Obszönes?, fragte ich rundheraus.

Schwänze, sagte er so schnell und so leise, dass ich es gerade noch hören konnte. Fast hätte ich laut losgelacht, aber ich beherrschte mich und fragte nur: Wo?

Pausenhof, sagte er. Ich pfiff durch die Zähne.

Reife Leistung, sagte ich, wirklich. Ganz toll. Weiß Jenny schon davon?

Er schüttelte den Kopf. Vorladung beim Direktor, sagte er, morgen Mittag.

Dann sah er mich plötzlich an, verzweifelt und ängstlich wie ein Kind.

Kannst du es ihr nicht sagen?, fragte er bittend. Also, bevor sie zum Schranz geht?

Mit einem Schlag war mein ganzer Ärger wieder da.

Hm, lass mich überlegen, sagte ich. Will ich morgen extra früher aufstehen und Jenny anrufen, Jenny, die ihren Stiefsohn alleine aufzieht, seine Klamotten wäscht und seinen Dreck wegputzt, während er auf alles pfeift? Will ich sie anrufen und ihr sagen, dass mein kleiner Bruder Schwänze auf die Schulmauer sprayt, mir ihren Zusammenbruch anhören und sie dann trösten? Warte mal, ich muss wirklich darüber nachdenken. Nein, will ich nicht!

Meine Stimme war ziemlich laut geworden, ich war in Rage.

Nein, kleiner Bruder, das musst du ihr schon selber beichten, so viel Mut musst du aufbringen. Du warst ja auch mutig genug, es zu tun, oder dämlich genug, könnte man sagen. Oder von mir aus sag es ihr nicht, ist mir doch egal, dann erfährt sie es eben vom alten Schranz, auch gut. Ich meine, ich möchte wirklich wissen, wie du überhaupt auf die Idee kommst, mich zu fragen!

Jul kratzte mit dem rechten Stiefel eingetrockneten Schlamm vom linken. Er wand sich, suchte nach Worten.

Du bist gut in so was, sagte er schließlich. Gut mit Leuten. Du bist viel besser als ich.

Ich dämpfte meine Zigarette aus.

Geh nach Hause, Jul. Geh nach Hause und sag Jenny, was Sache ist. Entschuldig’ dich. Und dann leg dich schlafen. Geh morgen in die Schule und übermorgen auch. Und mach deine verdammten Hausübungen.

Ich ließ ihn stehen, wo er war, ging wieder hinein und an die Arbeit. Ich spielte Trouble Man, Marvin Gayes’ Klassiker, aber nicht im Original, sondern in der viel zornigeren Coverversion von Neneh Cherry. Der Song war völlig unpassend, viel zu langsam, niemand tanzte. Aber er passte zu meiner Stimmung.

Es war fast drei, als ich nach Hause kam. Wie um diese Zeit üblich war ich nicht müde, aber mir war kalt, also legte ich mich ins Bett und zog mir die Decke bis zum Hals. Ich dachte an Hannah, die jetzt ebenfalls in ihrem Bett lag und schlief, hoffentlich alleine. Sie hatte so eine seltsame Art zu schlafen, ganz gerade auf dem Rücken, immer eine Hand auf dem Busen. Ich dachte an ihren Busen und hatte sofort einen Ständer, es wurde jeden Tag schlimmer. Als ich fertig war mit Onanieren und die Erschöpfung sich langsam doch in meinem Körper breitmachte, fiel mir Jul wieder ein. Mein sechzehnjähriger Bruder, der sicher davon träumte, mit einem Mädchen zu schlafen, und doch meilenweit von dieser Möglichkeit entfernt war. Wahrscheinlich wusste er nicht einmal, wie er mit Mädchen reden sollte. Das war mein Trumpf gewesen damals. Das war, was Edda zu mir gesagt hatte, bevor sie sich auszog: Mit dir kann man so gut reden. Und das war auch, was Jul im Grunde gemeint hatte, als er sagte: Du bist gut mit Leuten. Aber da war noch ein anderer Satz gewesen, wie eine Leuchtreklame, die nach einem Stromausfall wieder anging, war er plötzlich in meinem Kopf: Du bist viel besser als ich. Ich setzte mich im Bett auf. Wie kam er darauf? Er verachtete die Musik, die ich hörte, mochte meine Klamotten nicht und fand es ekelhaft, dass ich mit einer zehn Jahre älteren Frau schlief. Trotzdem fühlte er sich mir gegenüber offenbar minderwertig.

Ich stand wieder auf, holte mir aus meiner Jacke die letzte Zigarette und stellte mich ans Fenster. Draußen wechselte der Himmel langsam die Farbe. Ich dachte an die Nacht mit Edda, an die glänzenden Träger des strahlend weißen BHs auf ihrer braunen Haut, den Geruch nach zu süßem Parfum, frischer Bettwäsche und meinem eigenen Pubertätsschweiß, das Geräusch eines Motors und zuschlagender Autotüren in der Einfahrt, die tiefe, sonore Stimme ihres Vaters in all ihrer geldgeschwängerten Autorität, Eddas bleiches Gesicht und der stumpfe Ausdruck in ihren Augen, als ich sie von der Klinik abholte. Dann dachte ich an eine andere Nacht, etwa ein Jahr davor. Ich war vierzehn, Jul also sechs, wir lagen in unserem Stockbett, ich oben, er unten. Er wollte immer oben schlafen, aber er schlief unruhig, warf sich die halbe Nacht hin und her, also hatte Jenny Angst, er könnte herunterfallen und sich verletzen. Was Jenny nicht wusste, war, dass er oft gar nicht schlief, sondern einfach wachlag. Ich wusste es, weil ich auch wachlag. Ich hörte ihn unter mir atmen, er atmete laut für ein Kind, und manchmal gab er dabei Geräusche von sich. Ein Galoppieren, ein leises Wiehern, ein Bellen, ein Knurren, ein Brummen, ein Quietschen. Ich lag da und vertrieb mir die Zeit damit, zu erraten, was er gerade war: Pferd, Hund, Auto. Ich nahm an, dass er sich irgendwelche Geschichten ausdachte, aber wenn ich ihn ansprach, war er sofort still und tat, als würde er schlafen, manchmal wechselte er auch den Soundtrack in ein völlig unnatürliches Schnarchen. Aber in dieser Nacht gab es keine Geräusche außer dem Geschrei von Janek und Jenny, die sich nebenan stritten, es war kurz bevor sie sich trennten. Ich konnte hören, dass sie versuchten, leiser zu sein, um uns nicht zu wecken, aber es gelang ihnen nicht, immer wieder schwollen ihre zornigen Stimmen an wie eine Welle, bis sie brach und in leises, wütendes Gemurmel überging. Irgendwann begann Jenny zu heulen, ein seltsam singendes, fast melodisches Heulen, mit geschlossenem Mund, die Melodie ihres Kummers, und das war wohl der Moment, in dem Jul ins Bett pinkelte. Vielleicht hatte er schon länger gemusst, sich aber nicht getraut, das Minenfeld zu durchqueren und aufs Klo zu gehen. Jedenfalls kletterte er die Leiter zu mir herauf und sein verschwitzter Kopf tauchte über meiner Matratze auf, seine Haare standen in alle Richtungen ab. Mischa, flüsterte er, Mischa, in meinem Bett ist ein See. Ein See?, fragte ich in der Sekunde, bevor ich kapierte. Die Olchis sind schuld, sagte er. Die Olchis waren aus diesem Buch, das er so liebte, kleine grüne Wesen, die sich von Müll ernährten und sich vorzugsweise im Schlamm wälzten. Und er erzählte mir eine komplizierte Geschichte darüber, dass die Olchis, weil es so lange nicht geregnet hatte und es weit und breit keinen Schlamm mehr gab, beschlossen hatten, eine Wasserleitung anzubohren, und leider und zufälligerweise war das unsere Wasserleitung, sie hätten ihn, Jul, sogar davor noch um Erlaubnis gefragt, und obwohl er geahnt hatte, dass nichts Gutes dabei herauskommen würde, hätte er es den armen Olchis doch nicht verbieten können und so weiter und so fort ... währenddessen zog ich ihm seinen nassen Pyjama aus, holte einen frischen aus dem Kasten und zog das Bett ab. Gerade als ich ins Bad gehen wollte, um die Sachen in die Schmutzwäsche zu bringen, stand Jenny plötzlich im Zimmer, mit rot geschwollenen Augen, am ganzen Körper zitternd. Jul sah sie und warf sich in ihre Arme. Ich kann nichts dafür, heulte er, ich bin nicht schuld! Einen Moment lang dachte ich, Jenny würde auch wieder zu weinen anfangen, aber sie beherrschte sich. Sie trug Julius durch die Wohnung, nackt wie er war, beruhigte ihn, streichelte seinen Kopf, mit diesem entsetzlich schuldbewussten, erschrockenen Ausdruck auf dem Gesicht. Natürlich bist du nicht schuld, sagte sie immer und immer wieder, du kannst überhaupt nichts dafür, niemand kann etwas dafür. Na ja. Jedenfalls konnte niemand etwas für dieses grandiose Missverständnis. Ich brachte die Bettwäsche ins Bad und holte eine neue, bezog das Bett, während Janek auf dem Balkon stand und rauchte. Ich hätte auch gern eine geraucht. Ich hätte auch gerne Janek vom Balkon geschubst, es war nur ein kurzer, scharfer Impuls, ein heiß glühender Funken.

Als ich fertig war, legte Jenny Jul wieder ins Bett, ich hörte, wie er sagte: Die Olchis sind schuld! Und Jenny fragte: Was? Ich ging in die Küche, um mir ein Glas Orangensaft zu holen, Janek kam vom Balkon und fragte: Was machst du da?, in dem gereizten, aggressiven Tonfall, den er in letzter Zeit kaum noch ablegte. Ich hielt zur Erklärung mein Glas hoch. Es ist vier Uhr morgens, sagte Janek, geh ins Bett. Geh doch selber ins Bett, sagte ich. An der Tür zum Kinderzimmer stieß ich mit Jenny zusammen. Wir sahen uns an.

Entschuldige, sagte sie. Und danke. Du bist ein toller großer Bruder.

Und das war’s. Dieser letzte Satz hatte mich auf die ganze Geschichte gebracht. Ich war inzwischen vielleicht – und wirklich nur vielleicht – ein Erwachsener, trotzdem war ich immer noch Juls großer Bruder. Aber toll? Du bist viel besser als ich. Ich habe ihm nicht richtig zugehört. Mach deine verdammten Hausübungen. Habe ich das tatsächlich gesagt?

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