Über Ruth Cerha

Ruth Cerha wurde 1963 als zweites Kind des bekannten zeitgenössischen Komponisten und Dirigenten Friedrich Cerha und der Cembalistin und Hochschulprofessorin Gertraud Cerha in Wien geboren. Ihre Kindheit war geprägt vom kulturellen Umfeld ihrer Eltern, deren Pionierarbeit für Neue Musik und den ersten internationalen Erfolgen ihres Vaters als Komponist und Dirigent. Sie und ihre um sieben Jahre ältere Schwester Irina wuchsen mit einem ständig bei der Familie lebenden Kindermädchen auf, da die Eltern beruflich bedingt häufig abends nicht zuhause und immer wieder auf Konzertreisen waren. Der Vater hatte außerdem zeitweilig Lehraufträge im Ausland.

Im Alter von vier Jahren begann Ruths musikalische Ausbildung. Sie bekam Unterricht in Klavier, Violine und Flöte und besuchte einen Kurs zur musikalischen Frühförderung an der Wiener Musikhochschule (heute Universität für Musik und darstellende Kunst). Sie lernte Noten lesen noch bevor sie lesen und schreiben konnte – als jüngere Schwester lernte sie allerdings auch dies vor dem Schuleintritt. Auch bildende Kunst spielte in der Familie eine Rolle. Viele Künstler gehörten zum Freundeskreis der Familie, der Vater selbst war seit den 60er – Jahren auch bildnerisch tätig und ihre Schwester zeigte früh ein besonderes Talent in diese Richtung – sie studierte nach der Matura Malerei an der Akademie der bildenden Künste bei Max Weiler. Literatur wurde hochgehalten, die europäischen Klassiker standen in der Bibliothek des Hauses neben Bachmann und Handke, H.C.Artmann und Gerhard Rühm, die man ebenfalls persönlich kannte.

Die ersten Jahre lebte die Familie in der Wiener Innenstadt, im sogenannten Textilviertel, das geprägt war von den Läden jüdischer Einwanderer aus Ungarn, auch im Freundeskreis der Eltern gab es einige davon. Noch während Ruth die Volksschule besuchte, übersiedelte die Familie an den Stadtrand, nach Hietzing, in eine Jugendstilvilla, die früher ein Offizierskasino gewesen war. Die wechselvolle Geschichte dieses denkmalgeschützten Hauses übte auf Ruth von Anfang an eine Faszination aus und inspirierte sie viele Jahre später zu I come from Vienna, eine ihrer ersten Erzählungen.

Bis dahin durchlief sie allerdings selbst eine bewegte Geschichte: Nach der Matura am Musikgymnasium Wien verließ sie das elterliche Haus und kehrte zunächst auch der Musik den Rücken.

Weil sie für ihren eigentlichen Wunsch, ein Regiestudium an der Filmakademie in Berlin, nicht das nötige Mindestalter aufwies, versuchte sie es mit einem Studium in Germanistik (ihr Vater promovierte in diesem Fach), arbeitete als Hörspiellektorin beim ORF, schrieb Gedichte. Dann wechselte sie zur Psychologie, ein Interesse, das sie bis heute nicht mehr losgelassen hat. Sie studierte bis zur ersten Diplomprüfung und jobbte nebenher als Verkäuferin am Wiener Naschmarkt – ein Job, den sie wegen des Lokalkolorits und des Kontakts zu unterschiedlichsten Menschen liebte. Doch das Studium erfüllte ihre Erwartungen nicht und sie kehrte zur Musik zurück, allerdings unter ganz anderen Vorzeichen. Sie kaufte sich ein Keyboard, begann Songs zu schreiben und gründete ihre erste eigene Band. Außerdem begann sie 1987 eine Ausbildung zur Tontechnikerin an der SAE Wien, wo sie ihren ersten Mann kennenlernte. Ein Jahr später kam ihr Sohn Nikolaus auf die Welt. Die Ehe hielt nicht lange und sie musste sich als Alleinerzieherin durchschlagen. Sie nahm einen Halbtagsjob an der Universität Wien an und begann schließlich, Klavier zu unterrichten. Während der nächsten Jahre fuhr sie fort, Songs zu schreiben, arbeitete in diversen Bandprojekten (unter anderem gemeinsam mit ihrem zweiten Mann), komponierte für Kindertheaterproduktionen und für Projekte befreundeter Künstler. 1997 kam ihre Tochter Lana zur Welt.

Mit dem Schreiben von Prosa begann sie 2004. In nur neun Monaten entstand der Erzählband Der Gesang der Räder in den Schienen (erschienen 2007 im Wiener Luftschacht Verlag), Geschichten von Menschen in Umbruchsituationen. Ruth Cerha sagte über dieses Buch, dass diese Geschichten schon viele Jahre in ihr gewohnt hätten, bevor sie ihren Weg aufs Papier fanden.

Es folgten die Romane Kopf aus den Wolken (Eichborn 2010) und Zehntelbrüder (Eichborn 2012). 

Ihr neuester Roman Bora. Eine Geschichte vom Wind, für den sie das Staatsstipendium für Literatur erhielt, erschien im Juni 2015 bei der Frankfurter Verlagsanstalt.

Ruth Cerha unterrichtet nach wie vor Klavier, hält Kurse und Workshops in Creative Writing und lebt mit ihrer Tochter in Wien.